Heesen: Für manche Kinder ist die Schule ein Anker

04.03.2021 Die Corona-Pandemie hat den Alltag in Schulen, Kindergärten und von Familien teils komplett durcheinander gewirbelt. Mit den Lockdowns brachen für manche Kinder die Schule und der Kindergarten als Zufluchtsort weg. Die Folgen für den Kinderschutz sind noch immer kaum absehbar.

Julia Heesen spricht. Foto: Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Nach Auffassung der Kinderschutzbeauftragten Julia Heesen sollten Kindergärten und Schulen mit Blick auf den Kinderschutz nicht länger als unbedingt nötig geschlossen bleiben. Es gebe Familien, die sehr gut mit den coronabedingten Schließungen klarkommen und es gebe auch Kinder, denen die zusätzliche Zeit in den Familien guttue. «Aber es gibt eben auch Familien, die sehr leiden durch eine Überforderungssituation», sagte Heesen der Deutschen Presse-Agentur.

Kindergärten und Schulen seien in normalen Zeiten Orte, wo Kinder aus familiären Spannungssituationen herauskommen. «Sie können sich mit Gleichaltrigen austauschen, sie erfahren Anregungen und sie erfahren Struktur», sagte Heesen, die auch Staatssekretärin im Thüringer Bildungsministerium ist.

Für einige Kinder aus sehr schwierigen Familien sei auch das Kita- oder Schulessen wichtig, weil sie in den Einrichtungen eine regelmäßige gute Mahlzeit bekommen. «Es gibt schon Kinder, für die ist Schule oder Kindergarten der Anker.» Auch deshalb habe Thüringen während der Kita- und Schulschließungen die Notbetreuung stärker ausgeweitet.

Bislang fehle es noch an Daten, um genau einschätzen zu können, welche Folgen die Corona-Pandemie auf den Kinderschutz in Thüringen hat. «Wir haben bisher Rückmeldungen der Jugendämter, des Sorgentelefons, der Kinderschutzstellen und der Lehrerinnen und Lehrer natürlich auch, die uns sagen, dass es viele Kinder gibt, denen es schlechter geht.»

Das Bildungsministerium hat dazu vorläufige Zahlen für das Jahr 2020 erhoben - aus einer Abfrage bei den Jugendämtern, zwei Rückmeldungen fehlen aber noch. Demnach meldeten 21 von 23 Thüringer Jugendämtern insgesamt 1204 vorläufige Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche für das Jahr 2020. Im Jahr 2019 lag die gemeldete Zahl aller Jugendämter bei 1351.

Zwar sind die Zahlen für die beiden Jahre noch nicht vollends vergleichbar, jedoch deutet sich kein Ausschlag von vorläufigen Kinderschutzmaßnahmen oder ein Einbruch an.

Heesen gibt zu bedenken, dass es dafür unterschiedliche Gründe geben kann. Probleme und Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen würden oft überhaupt erst in den Einrichtungen entdeckt. «Die brechen natürlich auch weg als Meldestelle, wo eine Gefährdung auffällig wird», sagt sie. Es sei denkbar, dass in manchen Familien Spannungen gestiegen seien, aber die Kinder keine Wege hatten, sich dazu zu äußern.

Ein Kind wird nach dem Gesetz unter anderem dann in Obhut genommen, wenn eine dringende Gefahr für das Kind besteht und die Eltern der Inobhutnahme nicht widersprechen oder eine gerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann. In den Zahlen sind auch Inobhutnahmen von minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen enthalten.

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