Kommission mit Betroffenen soll Missbrauchsfälle aufarbeiten

18.03.2021 Auch im Bistum Erfurt ist Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan worden. 2018 informierte das Bistum über einige Fälle, es geht aber von einer Dunkelziffer aus. Nun soll eine Kommission solche Vergehen aufarbeiten, die wohl nicht nur aus Experten bestehen wird.

Der Bischof des Bistums Erfurt Ulrich Neymeyr spricht auf einer Pressekonferenz. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mindestens 54 Betroffene, an denen sich 20 beschuldigte Priester und 21 beschuldigte Kirchenmitarbeiter vergangen haben sollen: Das ist der Stand bekannter Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen im Bistum Erfurt, wie Bischof Ulrich Neymeyr und Generalvikar Raimund Beck am Donnerstag darlegten.

Einige Fälle waren bereits 2018 als Ergebnis einer Studie bekannt gemacht worden. Doch seitdem hätten sich mehr Betroffene gemeldet, was zu weiteren Überprüfungen geführt habe sagte Neymeyr. Er rufe auch weiterhin Betroffene auf, sich zu melden.

Wie von den deutschen Bischöfen für alle Bistümer beschlossen, soll nun auch eine Aufarbeitungskommission in Erfurt eingesetzt werden. Auch eine betroffene Person soll Mitglied des fünfköpfigen Gremiums sein. «Ich bitte alle Betroffenen, sich zu überlegen mitzuwirken in der Kommission», sagte Neymeyr. Betroffene, die dazu bereit sind, könnten sich an die Missbrauchsbeauftragten des Bistums wenden.

Sollten sich mehrere bereiterklären, in dem Gremium mitzuarbeiten, sollten die restlichen Kommissionsmitglieder eine Wahl treffen. Laut Neymeyr und Beck wird es aber wohl eine große Herausforderung, überhaupt einen Betroffenen zu finden, der ehrenamtlich mitwirken will. Interessierte sollten sich bis zum 30. April melden.

Daneben soll die thüringische Landesbeauftragte für Kinderschutz und die Bekämpfung sexueller Gewalt an Kindern, die Staatssekretärin für Bildung, Julia Heesen, zwei unabhängige Spezialisten aus Justiz und Wissenschaft für die Kommission benennen. Zwei weitere Mitglieder sollen Mitarbeiter aus dem Archiv und der Justizabteilung des Ordinariats - der Bistumsverwaltung - sein. Damit werde der Zugang zu Akten für die Kommission sichergestellt, hieß es.

Damit weicht das Bistum von den eigentlich als einheitlich angedachten Regelungen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ab, die die deutschen Bischöfe zuvor beschlossen hatten. Demnach sollte die Kommission sieben Mitglieder haben. Er habe sich zu dieser Änderung entschieden, da das Bistum Erfurt sehr klein sei, erläuterte Neymeyr. Etwa 140 000 Katholiken leben im Bistum - damit gehört es zu den vier kleinsten in Deutschland.

Die Kommission soll etwa aufarbeiten, wie Verantwortliche mit Betroffenen und Beschuldigten umgegangen sind. Dazu kann das Gremium auch Gespräche mit Betroffenen, Verantwortlichen und Beschuldigten führen. Die Kommission solle zudem eine Differenzierung vornehmen, um ein präziseres Bild von dem zu zeichnen, was geschehen ist, erklärte Neymeyr. Schließlich sollten die Mitglieder Erkenntnisse darüber gewinnen, ob es Strukturen gibt, die verändert werden müssen, um sexualisierte Gewalt innerhalb der Kirche zu verhindern. Generalvikar Beck sagte, er hoffe, dass die Kommission noch vor der Sommerpause mit der Arbeit beginnen kann.

Opfer sexueller Übergriffe durch Priester erhalten von der katholischen Kirche unter anderem sogenannte Anerkennungsleistungen. Mit Stand Donnerstag zahlte das Bistum in diesem Zusammenhang 106 000 Euro aus. Es sei aber davon auszugehen, dass die Summe steige, sagte Generalvikar Beck. Zumal Anträge auf diese Entschädigung durch neue Vorgaben auch neu bewertet werden können. Viele der bereits bekannten beschuldigten Priester des Bistums seien inzwischen gestorben. Die bekannten Fälle gingen zurück bis in die 1950er Jahre. Zu den meisten sei es vor 1980 gekommen, der jüngste sei aus dem Jahr 2014.

Allerdings müsse von einer Dunkelziffer an weiteren Fällen ausgegangen werden, hieß es am Donnerstag. «Es wird immer Betroffene geben, die sich nicht melden. Es wird auch immer Taten geben, die nie ans Licht kommen», sagte Neymeyr. Die Aufarbeitung sei aber ein wichtiger Schritt. Es soll alles dafür getan werden, solche Vorkommnisse ausschließen zu können. Beck ergänzte, dass sich die Zahl bekannter Fälle im kleinen Bistum Erfurt in einem relativ geringem Maße halte, das aber keineswegs als ein nHerunterpielen zu verstehen sei: «Jeder Fall ist einer zu viel.»

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