Anstieg der Privatinsolvenzen erwartet

04.04.2021 Nach drei Jahren schuldenfrei: Viele Privatleute haben erst diese Gesetzesänderung abgewartet, bevor sie Insolvenz beantragen. Auch deswegen wird in Thüringen nun eine Zunahme von Pleiten befürchtet.

Der Schriftzug «Insolvenz» steht auf einem Tisch zwischen anderen Scrabble-Buchstaben. Foto: Sören Stache/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

In Thüringen wird in diesem Jahr mit einer deutlichen Zunahme der Verbraucherinsolvenzen gerechnet. Bislang seien mit Kurzarbeitergeld und staatlichen Hilfen die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Krise abgefedert worden, sagte Thüringens Justizminister Dirk Adams (Grüne). «Trotz dieser Anstrengungen wird sich aber ein Anstieg der Privatinsolvenzen nicht gänzlich vermeiden lassen.»

Nach Einschätzung von Schuldnerberatern wird auch die Reform des Insolvenzrechts zu steigenden Zahlen in diesem Jahr führen. So dauert das Verfahren zur Restschuldbefreiung jetzt nur noch drei statt der bislang üblichen sechs Jahre. Die Verkürzung gilt rückwirkend für alle Insolvenzverfahren, die seit Oktober 2020 beantragt wurden.

Viele Schuldner hätten zunächst die Gesetzesänderung abgewartet, um so schneller schuldenfrei zu werden und einen Neuanfang wagen zu können, sagte die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung Thüringen, Anja Wolf, der Deutschen Presse-Agentur. «Wir merken seit Jahresbeginn eine Zunahme der Terminanfragen in den Beratungsstellen.»

Wolf verwies auf eine Erhebung der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Thüringen, wonach im vergangenen Jahr 30 Prozent der privaten Insolvenzanträge zurückgestellt wurden. Zudem suchten danach 2020 rund 1600 Menschen in der Schuldenfalle erstmals Hilfe bei den Beratungsstellen im Freistaat. Das seien acht Prozent weniger als 2019 gewesen.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes wurden in Thüringen im vergangenen Jahr 985 Verbraucherinsolvenzen beantragt und damit 455 weniger als 2019. Das ist ein Rückgang von 31,6 Prozent.

In der Corona-Krise hätten viele Geringverdiener ihre Nebenjobs verloren, mit denen sie ihr Einkommen aufstockten, sagte Wolf. «Wenn der Zuverdienst wegfällt, wird die Lage prekär.» Hauptgründe für Überschuldung seien nach wie vor Arbeitslosigkeit, Erkrankungen/Unfälle, Trennungen, gescheiterte Selbstständigkeiten und eine unwirtschaftliche Haushaltsführung sowie ein längerfristiges Niedrigeinkommen.

Das Hauptklientel in den Schuldnerberatungsstellen ist laut Wolf im Alter von 25 bis 45 Jahre. Zu beobachten sei allerdings, das der Anteil der 60-Jährigen aufgrund von Altersarmut rapide zunehme.

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