Schramm: Schulen sollten Antisemitismus melden

11.06.2021 Die Zahl der gemeldeten antisemitischen Vorkommnisse an Thüringer Schulen liegt im einstelligen Bereich - nicht ausgeschlossen ist, dass die Dunkelziffer höher ist. Die Bildungsminister der Länder wollen Lehrern im Umgang mit Antisemitismus Empfehlungen geben.

Der Spruch «Gegen jeden Antisemitismus!» prangt an einer Toilettenwand. Foto: Arne Dedert/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, hat dazu aufgerufen, antisemitische Vorfälle an Schulen konsequent zu melden. «Wenn wir hören, dass auf Schulhöfen das Wort Jude als Schimpfwort benutzt wird, ist das dramatisch schlimm», sagte Schramm am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Nach Angaben des Thüringer Bildungsministeriums werden im Freistaat nur wenige antisemitische Vorkommnisse an Schulen gemeldet: Im laufenden Jahr wurde ein Fall registriert, im gesamten vergangenen Jahr ebenfalls ein Fall.

Allerdings waren im Corona-Jahr 2020 sehr viele Schüler über längere Zeiträume gar nicht in der Schule, sondern wurden zu Hause unterrichtet. Im Jahr 2019 gab es vier gemeldete antisemitische Vorkommnisse an Thüringer Schulen, im Jahr zuvor waren es sechs.

«Antisemitismus an der Schule ist ein Phänomen, das seitens der jüdischen Jugendlichen und ihrer Familien seit langem beanstandet wird», heißt es vom Thüringer Bildungsministerium. Nach dessen Angaben treffen die Schulleitungen und die Schulämter die Entscheidungen, ob ein Ereignis als sogenanntes besonderes Vorkommnis gemeldet wird. Außerdem erhält das Ministerium Meldungen über Straftaten von der Polizei.

Der Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, geht davon aus, dass die Dunkelziffer antisemitischer Vorfälle an Schulen hoch ist. Gemeldet werden sollten seiner Ansicht nach nicht nur justiziable, sondern alle antisemitische Fälle. «Zentral ist, dass antisemitische Codes überhaupt erkannt werden», sagte Wagner.

Es sei zwar erlaubt, Menschen etwa als Globalisten zu beschimpfen, es sei aber seines Erachtens nach trotzdem ein antisemitischer Vorfall. Die Schulen hätten seiner Meinung nach dabei eine Bringschuld. Die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora werden jedes Jahr auch von sehr vielen Schulklassen besucht.

Schramm berichtet von einzelnen antisemitischen Vorfällen in Erfurt und in Weimar, die es kurz vor dem Ausbruch der Pandemie 2020 gegeben habe. «Wir haben damals keine Meldung gemacht. Aber künftig werde ich es tun», sagte Schramm. Es sei wichtig, sich ernsthaft mit Antisemitismus in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Laut Schramm ging es in den beiden Fällen um eine Art Mobbing von jüdischen Mädchen und Jungen. In beiden Fällen seien Schüler mit arabischem Hintergrund beteiligt gewesen.

Wenn es eine Welle israelbezogenen Antisemitismus gebe, müsse dieses Problem mit Schärfe bearbeitet werden, sagte Schramm. Schulen sollten seiner Meinung nach nicht versuchen, antisemitische Fälle zu verdecken. «Wenn jüdische Kinder abends weinen, ist es wichtig, dass man sich um diese Schüler kümmert», sagte Schramm.

Laut Bildungsministerium treffen die Schulleitungen und die Schulämter die Entscheidungen, ob ein Ereignis als sogenanntes besonderes Vorkommnis gemeldet wird. Außerdem erhält das Ministerium Meldungen über Straftaten von der Polizei.

Die Situation habe sich generell verschlechtert, sagte Schramm mit dem Hinweis auf antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen in den vergangenen Wochen in Deutschland. «Wir haben derzeit keine gute Laune.»

Das Thema Antisemitismus an Schulen beschäftigte auch die Kultusministerkonferenz (KMK). Die Kultusministerinnen und Minister beschlossen am Donnerstag eine gemeinsame Empfehlung der KMK, des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule.

Die Empfehlung enthält unter anderem Hilfestellungen für Lehrkräfte. So wird unter andere in der Lehrerbildung eine intensivere Vermittlung von Kenntnissen zu Antisemitismus, Judentum und jüdischer Geschichte und Gegenwart gefordert. Antisemitische Äußerungen und Vorfälle müssten an Schulen als solche benannt werden und dürften nicht bagatellisiert, relativiert, verschwiegen oder ignoriert werden, heißt es in der KMK-Empfehlung außerdem.

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