Bitterer Abschied von der großen Bühne: BVB hadert mit Elfer

15.04.2021 Der Traum vom ersten Halbfinale in der Champions League seit 2013 war zum Greifen nahe. Doch ein umstrittener Elfmeterpfiff für Man City bringt den BVB aus dem Tritt. Wie wird sich der Abschied auswirken?

Für Pechvogel Emre Can war es «bitter», für Trainer Edin Terzic «ärgerlich» und für TV-Experte Dietmar Hamann gar «skandalös». Der 1:2 (1:0)-Knockout von Borussia Dortmund im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester City erhitzte auch nach dem Schlusspfiff die Gemüter.

Ein umstrittener Handelfmeter verstärkte den Frust über das Verpassen der von Vereinschef Hans-Joachim Watzke erhofften «Weltsensation» und den wohl längeren Abschied der Borussia aus der europäischen Eliteklasse. «Nach drei von vier Halbzeiten waren wir eine Runde weiter. Wir hatten einen großen Traum, der ist nun vorbei», klagte Fußballlehrer Terzic.

Zwar brachte die Borussia den Favoriten wie schon im Hinspiel (1:2) eine Woche zuvor ins Wanken, aber nicht zu Fall. Nach der Führung des erst 17 Jahre alten Jude Bellingham (15.), der damit zum jüngsten BVB-Torschützen der Champions-League-Historie wurde, schien das Glück zum Greifen nahe. Doch der Elfmeterpfiff des spanischen Referees in der 54. Minute wirkte auf den BVB wie ein K.o.-Schlag. Nationalspieler Can, dem der Ball bei einem Abwehrversuch vom Kopf an den Arm gesprungen war, verschaffte seinem Ärger Luft: «Ich glaube, in den Regeln steht, dass das kein Hand ist. Wenn wir deswegen einen Elfer bekommen und das Spiel verlieren, ist das bitter. Es tut weh.»

Ähnlich verbittert wie der Defensiv-Allrounder klang Terzic - bei aller Anerkennung für den «verdienten Erfolg» der Gäste: «Wir haben jedes Jahr Schiedsrichterschulungen, wo uns gezeigt wird, was sich verändert hat. Uns wurde vor der Saison ganz klar gesagt: Wenn man sich selbst an die Hand köpft, wird es nicht als regelwidrig angesehen.» En passant verwies der Coach zudem auf die fragwürdige Aberkennung eines Tores von Bellingham im Hinspiel: «So richtig Glück mit den Schiedsrichterentscheidungen hatten wir in den letzten sieben Tagen nicht.»

Am härtesten ging jedoch TV-Experte Hamann mit Referee Carlos Del Cerro Grande ins Gericht: «Den Dortmundern wurde heute ganz übel mitgespielt. Meiner Meinung nach sind sie durch eine skandalöse Entscheidung um den Lohn ihrer Arbeit gebracht worden.» Der ehemalige Bayern-Profi verwies bei Sky auf den nicht vorhandenen «Interpretationsspielraum» bei der Handspielregel: «Der Videobeweis wurde eingeführt, um die Sache gerechter zu machen. Wenn solche Entscheidungen nicht zurückgenommen werden, dann weiß ich nicht, ob der Videobeweis Zukunft hat.»

Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Urs Meier pflichtete Guardiola bei. «Es ist eine unnatürliche Handbewegung, eine risikoreiche Handbewegung, die Can macht. Dass er den Ball mit dem Kopf an die Hand ablenkt, hebt das nicht auf. Es ist Handspiel», erklärte der Schweizer im Interview mit ran.

Der Elfmetertreffer von Riyad Mahrez (55.) und der haltbare Fernschuss von Phil Foden (75.) besiegelten den Abschied des Bundesliga-Fünften aus der lukrativen europäischen Eliteklasse für mindestens ein Jahr. Bei sieben Punkten Rückstand auf Rang vier erscheint eine erneute Qualifikation für den Wettbewerb derzeit unwahrscheinlich. Als letzte Titeloption in dieser Saison bleibt nur noch der DFB-Pokal, in dem die Dortmunder im Halbfinale Anfang Mai auf den Zweitligisten Holstein Kiel treffen.

Ohne die Aussicht auf die glitzernde Bühne Champions League dürften Stars wie Jadon Sancho und Erling Haaland nur schwer zu halten sein. Zuletzt verging kaum ein Tag ohne Spekulationen über einen Wechsel Haalands, die durch die Reise seines Vaters Alf-Inge und Beraters Mino Raiola nach Barcelona noch befeuert wurden. BVB-Sportdirektor Michael Zorc sieht das Störfeuer von Raiola gelassen: «Das ist ein ganz normaler Interessenskonflikt. Wir haben ein Gespräch gehabt mit ihm und Erlings Vater. Davor habe ich mit Erling auch schon unter vier Augen gesprochen. Wir haben eine klare Botschaft gegeben. Und diese ist, dass wir weiter mit ihm planen.»

Anders als bei Sancho, dessen Wechsel im Sommer als wahrscheinlich gilt, will der BVB beim vertraglich bis 2024 gebundenen Haaland konsequent bleiben. «Ohne Unterschrift von uns geht da nichts», betonte Zorc und hofft auf die Einsicht des Norwegers. «Er sieht, welche Entwicklung er hier genommen hat auf hohem Niveau. Seine Zeit ist noch nicht zu Ende.»

Noch hat der Revierclub die Hoffnung auf einen erfolgreichen Bundesliga-Endspurt nicht aufgegeben. Die beiden guten Spiele gegen die «Citizens» weckten bei allen Beteiligten Lust auf mehr. «Wir werden in den restlichen Spielen alles reinwerfen, um nächstes Jahr wieder eine solche Chance zu bekommen», versprach Terzic.

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