Fußball-EM: Die Rückkehr des „Danish Dynamite“

27.06.2021 Für Dänemark war es ein historisches EM-Achtelfinale gegen die Waliser, war man doch zuletzt vor 17 Jahren in der K.-o.-Phase einer Fußball-EM. Die favorisierten Skandinavier siegten dank diverser walisischer Fehler 4:0. EM-Favorit Italien trat in einem ebenfalls historischen Duell gegen den Nachbarn Österreich an und hatte erstmals in diesem Turnier sichtlich Probleme.

Wales – Dänemark 0:4

Wales gegen Dänemark – das ist das Duell der Überraschungsteams bei dieser Fußball-EM. Für die Dänen war die Qualifikation zum Achtelfinale quasi ein Erfolg auf den letzten Metern. Mit 4:1 hatten sie im heimischen Kopenhagen die Russen mit 4:1 abgefertigt und sich so auf den letzten Drücker als Gruppenzweite qualifiziert. Wales hatte mit seinem überraschenden Erfolg im zweiten Spiel gegen die favorisierten Türken den Grundstein für das Weiterkommen gelegt.

Für beide Teams stand mit der Amsterdamer Arena ein neues Stadion auf der Agenda. Dänemark hatte nun im Achtelfinale keinen Heimvorteil mehr. Die Waliser kannten das schon, musste sie ihre Spiele doch bis dato in Baku oder Rom austragen. Da war Amsterdam schon fast so etwas wie ein Heimspiel, wenngleich die Fans von „Danish Dynamite“ klar in der Überzahl waren.

Schmerzlicher als der Verlust der Heimstätte war für Dänemark aber sicherlich die Verletzung des Leipziger Stürmers Poulsen, der gerade gegen Russland sein bestes Spiel gemacht hatte. Da auch Wass krank pausieren musste, rückten Stryger und Dolberg in die Anfangself. Das 3-4-3-System wurde beibehalten.

Wales trat im bis dahin so erfolgreichen defensiven 4-5-1 an. Wenig überraschend bot Coach Page wieder den kantigen Moore als einzige Sturmspitze auf. Auch Mephan und Ben Davies waren neu im Team. Neco Williams und Gunter nahmen auf der Bank Platz. Der rotgesperrte Ampadu musste von der Tribüne aus zugucken.

Wie zu erwarten war, hatte Dänemark den meisten Ballbesitz. Wales spielte abwartend und rustikal und setzte auf schnelle Konter vor allem über seinen Superstar Bale, der ein ums andere Mal versuchte den wuchtige Stürmer Moore in Szene zu setzen oder selbst vor das Tor zu kommen. So hatte Bale denn auch gleich eine gute Möglichkeit, doch sein Weitschuss ging links neben das Tor (10. Minute). Die dänische Abwehr spielte allzu sorglos, überstand diese Phase aber.

Von Minute zu Minute merkte man den Walisern an, dass sie fast alle bei diesem Turnier durchgespielt hatten. Die Dänen ließen Ball und Gegner geschickt laufen und erzielten in Form von Dolberg das 0:1 (27. Minute), wobei Braithwaite eigentlich die Sicht des Torwarts behinderte, doch der Video-Assistent entschied auf Tor. Diese Fehlentscheidung ist wieder Wasser auf die Mühlen von Traditionalisten wie mir, den den VAR am liebsten wieder abschaffen würden.

Wales musste nun aufmachen, leistete sich aber auch ungewohnt viele Fehlpässe im Spielaufbau. Ein Fehler des eingewechselten Neco Williams sorgte auch für Dolbergs zweites Tor. In der 48. Minute legte der Waliser dem Dänen den Ball quasi auf und der ließ sich nicht bitten. Dänemark stellt sich nun mit einer Fünferkette tief in die eigene Hälfte und ließ Wales anrennen.

Auch das 0:3 durch Maehle (88. Minute) war ein walisisches Geschenk, denn dieser war vor seinem Schuss mutterseelenallein im Strafraum. Dann hatte der deutsche Schiedrichter Siebert seinen Auftritt und schickte Wilson mit Rot vom Platz. Es war kein hartes Foul, wenn auch der Ball nicht getroffen wurde – wieder eine glatte Fehlentscheidung gegen die „Dragons“. Das 0:4 gab es in der Nachspielzeit auch noch und wieder spielte der VAR eine Rolle. Eigentlich hatte Siebert auf Abseits entschieden, doch der Video-Assistent gab das Tor durch Braithwaite.

Dänemark gewinnt am Ende zwei Tore zu hoch und wird sich gegen die Niederlande oder Tschechien klar steigern müssen. Nicht immer bekommt man so viele Tore geschenkt und kann sich dann gemütlich mit fünf Mann auf einer Linie aufstellen. Wales lieferte ausgerechnet im Achtelfinale seine bislang schlechteste Partie ab, doch die Fans der „Dragons“ werden ihre Helden trotzdem gebührend empfangen. Das Überstehen der Vorrunde war schon ein großer Erfolg.

Italien – Österreich 2:1 (n.V.)

Wie die Dänen konnten die Italiener in ihrem Achtelfinale nicht mehr auf die Unterstützung der heimischen Tifosi setzen, denn die Partie gegen Österreich fand anders als die drei Vorrundenbegegnungen nicht in Rom, sondern in London statt. Wegen der besonders strengen Corona-Einreise und -Quarantäne-Bestimmungen konnten so nur schon in Großbritannien weilende Italiener ins Stadion. Gleiches galt natürlich für die österreichischen Fans und so war die Stimmung eher mau. Das Event-Publikum wollte unterhalten werden, tat aber selbst wenig für die Unterstützung der Teams.

Italien gegen Österreich – das ist angesichts des historisch vorbelasteten Verhältnisses beider Länder kein Spiel wie jedes andere. Bis zur Vereinigung Italiens 1861 hatten weite Teile des Lanes zum österreichischen Habsburgerreich gehört oder wurden, wie z.B. die Toskana von österreichischen Dynastien regiert. Seit dem Ende des 1. Weltkriegs gehört Südtirol trotz mehrheitlich deutschsprachiger Bevölkerung zu Italien, was immer wieder zu Spannungen und auch Terror der Organisation „Ein Tirol“ führte.

Und so dürfte der eine oder andere Südtiroler bei diesem Duell auch heimlich die Daumen für Österreich gedrückt haben, das gegen den viermaligen Welt- und einmaligen Europameister Italien natürlich im defensiven 4-5-1 agierte. Unterschätzen durfte das ÖFB-Team aber keiner, schließlich war „Team Austria“ nach zwei schwachen Vorrundenpartien im dritten Match gegen die Ukraine die klar bessere Mannschaft.

Die Italiener ihrerseits stellten die Rotationsmaschine wieder an. Nachdem im für Italien bedeutungslosen Match gegen Wales sogar Ersatztorart Sirigu ein paar Minuten spielen durfte, vertraute Trainer Mancini nun wieder auf die bewährten Kräfte der ersten beiden Partien. Nur der verletzte Kapitän Chiellini war im gewohnten 4-3-3-System noch nicht an seinem Platz in der Innenverteidigung.

Zunächst gestaltete sich das Spiel wie erwartet. Italien war im Vorwärtsgang und Österreich setzte einzelne Nadelstiche, hatte aber insgesamt zu viel Respekt vor dem großen Favoriten. Kam Italien zum Abschluss, konnte sich das ÖFB-Team im Fall der Fälle auf Torwart Bachmann verlassen. Da die „Squadra Azzurra“ ihre Einschussmöglichkeiten – inklusive eines Lattenhammers von Immobile – nicht nutzen konnte, wurden die in Rot-Weiß spielenden Österreicher, unter ihnen acht Bundesliga-Legionäre, in der zweiten Halbzeit immer mutiger und suchte ihre Chance.

In der 65. Minute war schließlich Arnautovic zur Stelle und köpfte das gar nicht so unverdiente 0:1 für die Österreicher, doch der VAR entschied nach langem Studium der Bilder auf Abseits. Dennoch war klar zu sehen: ÖFB-Trainer Foda hatte die Italiener offensichtlich bestens studiert, was vielleicht auch daran liegt, dass der gebürtige Pfälzer einen italienischen Vater hat, und wechselte erst zum Ende der regulären Spielzeit, um die Stabilität in der Defensive nicht zu gefährden.

Es ging in die Verlängerung und nun hatte Italien dank zweier Einwechselspieler das Glück auf seiner Seite. Erst erzielte Chiesa das 1:0 in der 95. Minute, dann Pessina das 2:0 in der 105. Minute. Die italienischen Eventies auf der Tribüne waren schon in bester Party-Laune, als der ebenfalls eingewechselte Kalajdzic auf 2:1 verkürzte (114. Minute).

Am Ende reichte es dann aber eben doch für die Italiener, die sich nach dem Spaziergang durch die leichte Gruppe A erstmals richtig schwertaten. Zwar sprachen italienische Medien wie üblich von einem verdienten Sieg, doch im Viertelfinale treten die „Azzurri“ gegen den EM-Geheimfavoriten Belgien oder den amtierenden Europameister Portugal an. Ohne Leistungssteigerung dürfte für das Team von Roberto Mancini hier Endstation sein.

© Tom Meyer

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