DHB-Boss warnt vor Olympia-Scheitern: «Wie ein Katalysator»

09.03.2021 Bundesliga-Spitze und Deutscher Handballbund wollen nicht mehr über die Olympia-Ziele streiten. Im Interview heben Liga-Chef Schwenker und DHB-Boss Michelmann die Bedeutung des Qualifikationsturniers hervor. Ein Scheitern könnte fatale Folgen haben.

Der Präsident des Deutschen Handballbunds (DHB): Andreas Michelmann. Foto: Marius Becker/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

An diesem Wochenende geht es für die deutschen Handballer in Berlin um die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Obwohl die DHB-Auswahl sich ihr Ticket für Tokio also erst noch sichern muss, hatte die Verbandsspitze zuletzt das Ziel Olympia-Gold bekräftigt.

Das sorgte in der Bundesliga für Irritationen. Im Doppel-Interview der Deutschen Presse-Agentur sprechen DHB-Chef Andreas Michelmann und Liga-Präsident Uwe Schwenker über Meinungsverschiedenheiten, die Bedeutung von Olympia und den Zustand des deutschen Handballs.

Herr Michelmann, in Corona-Zeiten sind Sie als Bürgermeister von Aschersleben stark eingebunden. Haben Sie trotzdem schon Urlaub für die Zeit vom 23. Juli bis 8. August geblockt?

Andreas Michelmann: (lacht) Ich muss meinen Urlaub zum Glück bei niemandem anmelden, sondern nur für mich einplanen. Und eingeplant ist er jedenfalls.

In dieser Zeit finden die Olympischen Spiele statt. Der DHB will dort Gold gewinnen, obwohl die Nationalmannschaft noch nicht qualifiziert ist. Nationalspieler Hendrik Pekeler kann mit diesem Ziel genau wie die HBL wenig anfangen. Herr Schwenker, warum redet die DHB-Spitze nicht vorher mit der Mannschaft, bevor sie forsche Ziele formuliert?

Uwe Schwenker: Ich finde es grundsätzlich wichtig, Ziele zu definieren. Genauso wichtig ist es aber auch, sich erst mal den nächsten Schritt anzuschauen. Wenn ich auf den Mount Everest will, dann geh ich auch nicht vom Basislager direkt zum Gipfel, sondern lege Etappenziele fest. Darum haben wir als Liga auch gesagt, lasst uns erst mal das Qualifikationsturnier spielen und uns für Olympia qualifizieren.

Beim Turnier in Berlin muss sich die deutsche Mannschaft in einer Gruppe mit Vize-Weltmeister Schweden, Slowenien und Algerien eines von zwei Tickets sichern.

Schwenker: Das ist kein Selbstläufer. Als deutsche Nationalmannschaft können wir diese Aufgabe zwar selbstbewusst angehen, aber auch mit dem entsprechenden Respekt. Zumal wir trotz des Heimvorteils eben nicht auf Zuschauer in der Arena zählen können, die uns Rückhalt geben. Deswegen hält es die HBL für angebracht, erst einmal eine erfolgreiche Olympia-Qualifikation zu spielen, bevor wir uns mit dem Olympia-Turnier in Tokio beschäftigen.

Also werden auch Sie vor diesem Turnier nun nicht mehr von Olympia-Gold reden, Herr Michelmann?

Michelmann: Die Vision vom olympischen Gold bei den Spielen in Japan haben wir schon vor Jahren formuliert. Warum sollte ich jetzt davon abrücken? Aber Uwe Schwenker hat natürlich auch Recht, und es ist jetzt völlig korrekt, dass wir uns erst mal auf die Olympia-Qualifikation konzentrieren. Das werden drei schwere Spiele und dann sehen wir weiter.

Bei der WM in Ägypten hat die Nationalmannschaft zuletzt so schlecht abgeschnitten wie noch nie, auch die TV-Quoten waren nicht gut. Die HBL hat immer wieder die Bedeutung der DHB-Auswahl für die Sportart betont. Muss sich die Liga Sorgen um den deutschen Handball machen?

Schwenker: Wir machen uns Gedanken, aber keine Sorgen. Wenn man sich den Welthandball anschaut, muss man sagen, dass es diese eine überragende Mannschaft derzeit nicht gibt. Die Dänen sind zwar jetzt wieder Weltmeister geworden, bei der EM ein Jahr zuvor sind sie aber in der Vorrunde ausgeschieden. Die Weltspitze ist absolut eng zusammen. Ich glaube, wenn wir alle Mann an Bord haben, haben wir eine Mannschaft, die absolut in der Lage ist, auf Augenhöhe mit den besten Nationalteams zu spielen. Dafür müssen aber auch möglichst alle Leistungsträger dabei sein. Das war bei der WM nicht der Fall.

Der deutsche Handball hat ja gerade nicht nur mit einer schwächelnden Nationalmannschaft zu kämpfen. Mitgliederzahlen gehen zurück, viele Kinder können seit Monaten nicht spielen. Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund die Olympia-Qualifikation für den DHB, Herr Michelmann?

Michelmann: Die Olympia-Qualifikation hat eine große Bedeutung in dieser Phase. Wenn wir es schaffen, uns in Berlin gegen Schweden, Algerien und Slowenien durchzusetzen, dann wird das höchstwahrscheinlich nicht nur für positive Stimmung sorgen. Sondern das löst möglicherweise auch einen Impuls aus, dass die Kids eher wieder Handball spielen als im Fall eines Misserfolgs. Wir setzen darauf, dass wir durch die Übertragung aller drei Spiele im Fernsehen Aufmerksamkeit wecken, vor allem bei den Jüngsten.

Wie stark würde dann ein Verpassen der Tokio-Spiele den Handball zurückwerfen?

Michelmann: Wir haben das ja schon 2012 gesehen, als wir nicht bei Olympia dabei waren. Das könnte wie ein Katalysator in die negative Richtung wirken. Von daher wissen alle Beteiligten, wie wichtig das ist, bei dieser Olympia-Qualifikation erfolgreich zu sein.

Schwenker: Der Bundestrainer und die Spieler haben mein absolutes Vertrauen. Unsere Mannschaft kann in Berlin selbstbewusst in jede der Begegnungen gehen. Ich gehe von einer erfolgreichen Olympia-Qualifikation aus.

Das Turnier birgt nicht nur sportlich, sondern auch coronabedingt ein Risiko. Der Liga-Spielplan steht schon jetzt schwer unter Druck. Ist das Risiko dieses Turniers also nicht zu groß, da Nationalspieler mit Infektionen zu ihren Vereinen zurückkehren könnten, was zu weiteren Spielverlegungen führen würde?

Schwenker: Die Risiken sind immer da. Jetzt geht es darum, Risiko zu minimieren. Auch vor, während und nach dem Qualifikationsturnier. In der HBL sind die Spieler seit langem Teil eines sehr engmaschigen Testsystems. Davon werden auch die Qualifikationsturniere profitieren. Diese wiederum verfügen - davon gehe ich aus - ebenfalls über ein ausgefeiltes Konzept, durch das die Spieler bestmöglich geschützt sind. Nach den Turnieren liegt wieder viel Verantwortung in den Händen unserer Clubs. Ich bin davon überzeugt, dass diese ihre Spieler sehr verantwortungsvoll in den Bundesliga-Spielbetrieb zurückführen werden. Ein Restrisiko bleibt.

Nicht nur wegen des engen Spielplans ist die Situation für viele Bundesligisten schwierig. Werden alle Vereine diese Saison auch ohne Zuschauer wirtschaftlich überleben?

Schwenker: Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich davon aus, dass dies trotz der extremen Rahmenbedingungen gelingen wird. Vor wenigen Tagen haben alle Bundesligisten frist- und formgerecht einen Lizenzantrag eingereicht. Dies ist ein starkes Zeichen und Beleg dafür, dass alle Clubs auch wirtschaftlich in der Lage sind, diese sehr anspruchsvolle Saison zu Ende zu spielen. Das muss unser gemeinsames Ziel bleiben.

Der Handball hängt stärker als der Fußball von Zuschauereinnahmen ab. Hat Ihre Sportart durch Corona einige Fans für immer verloren?

Michelmann: Es war sicherlich keine Win-Win-Situation. Die Herausforderung für uns besteht darin, aus dieser Situation das Beste zu machen. Aber natürlich war das bislang keine Zuschauerreklame. Die Fans müssen wir erst wieder zurück in die Hallen holen.

Schwenker: Der gesamte Sport befindet sich nach wie vor im Krisenmodus, nachhaltige Schäden sind nicht auszuschließen. Dennoch ist es uns bisher gelungen, aus der aktuellen Situation das Bestmögliche zu machen. Dass wir überhaupt in der Lage sind, unsere Sportart im Fernsehen und auf digitalen Plattformen umfänglich live zu präsentieren, ist ein großer Erfolg, den sich DHB und HBL gemeinsam auf die Fahne schreiben können.

ZUR PERSON: Seit September 2015 steht Andreas Michelmann (61) an der DHB-Spitze, etwas mehr als ein Jahr länger arbeitet Uwe Schwenker (61) als Präsident der HBL. Zuvor hatte Schwenker unter anderem lange als Manager des THW Kiel fungiert. Michelmann ist seit 1994 Oberbürgermeister der Stadt Aschersleben in Sachsen-Anhalt.

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