Den Tag ausquetschen

09.01.2021 Wer mit ‘Malen nach Zahlen‘ durch ist und nicht mehr weiß, was er sonst noch treiben könnte: Selbstgespräche, Telefonate mit Horoskop-Beauftragten und Hubschrauberflüge sind immer eine Lösung.

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Wenn ich mit mir selber spreche, sage ich meist Dinge wie: „naja, Du weißt ja, wie alles läuft“ und antworte „nein, weiß ich nicht.“ Manchmal versuche ich, etwas Positives aus mir herauszuquetschen und mache beim Frühstück gute Vorschläge für den Tag: “Wir könnten jetzt gleich joggen. Und danach an den Schreibtisch. Ist das ein Plan?“ Die Antworten sind eigentlich immer unergiebig, meist kommen da Sachen, wie „das allzu neugierige Eichhörnchen fällt schnell vom Ast.“ So verplaudere ich die Tage, auf meinem kleinen Schlauchboot, mit dem ich jeden Morgen unverzagt werweißwohin steuere.

Mein Vorhaben für die kommende Woche: Ich werde die zuständige Horoskop-Person meiner Tageszeitung kontaktieren. Bislang waren ihre Voraussagen einfach zuverlässig falsch und das war absolut okay. Tageszeitungs-Horoskope sind umsonst, da darf man nichts erwarten. Aber in letzter Zeit hat sich ein unhöflicher Befehlston eingeschlichen: „Sie treten auf der Stelle. Hergehört! Packen Sie die Dinge mit Fröhlichkeit an!“ So geht das die ganze Woche: “Klartext reden!“; „machen Sie einen Ausflug!“; “Sie blockieren Amor, die salzige Suppe löffeln Sie alleine aus!“; „Bescheidenheit ist eine Tugend. Das müssen Sie noch lernen!“ Uff. Da ist jemand eindeutig Corona-frustriert und träumt von einer Karriere als Fitness-Coach oder Oberoffizier*in. Würde vielleicht ein ausgleichendes Fläschchen ‘Multidimensionale DNA-Engel-Aura-Öl‘ helfen? Es ruckelt für 25,50 Euro die spirituellen Erbgut-Schichten zurecht, das sollte regelmäßig getan sein, man hört es ja immer wieder. Die Mixtur wird in Kooperation mit der Engelwelt hergestellt. Das steht auf der Homepage, die ich hier fürsorglich mal nicht verlinke.  

Kommen wir zu Abenteuern. Sie lauern immer und überall. Mein aufregendstes und gefährlichstes Erlebnis in diesem jungen Jahr: ich verließ das Sprechzimmer eines feschen Arztes, auf dem Weg zur Tür nestelte ich an meinem Trenchcoat-Gürtel herum. Er war aus seiner hochspeziell designten, tunnelartigen Schlaufe gerutscht und so viel war klar: dorthin zurück bekomme ich ihn in diesem Leben nicht mehr. Der Arzt trat dicht neben mich und sagte, was ich mein Leben lang nur aus Filmen kannte: „Lassen Sie mich durch. Ich bin Arzt!“ Dann führte er den Gürtel mit Chirurgen-Geschick an seinen Platz – es war ein schöner, kleiner Moment und wenn ich es recht erinnere, stiegen wir danach in einen Hubschrauber und flogen auf eine Palmeninsel.

© Nele Nielsen

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