Aufregung auf allen Kanälen

05.02.2021 Keine Zeit für Langweile: Dolle Aktionen auf YouTube, im Verkauf-TV und auf der Straße.

Foto: Christin Klose/dpa-tmn © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Noch vor einem Jahr habe mich über Meditation lustig gemacht – aber im Lockdown habe ich alle möglichen absurden Dinge ausprobiert. Auf YouTube gibt es geführte Meditationen von Männern mit unglaublich angenehmen Stimmen, ich nehme sie mit ins Bett und schlafe auf der Stelle ein. Manchmal werden vor meinen Lieblingsmeditationen Anzeigen geschaltet. Fast immer sind es sehr aufgeregte Jungs (sorry, Ladies, ich möchte niemanden ausschließen, aber diese Sache ist fest in männlicher Hand), die mir 7000 Euro Verdienst im Monat oder am Tag versprechen, wenn ich endlich in die Hufe komme und mein eigenes Online-Geschäft aufziehe. Am besten, ich verkaufe irgendwas, sagen sie, am allerbesten Kurse über Spezialwissen. Falls ich gerade kein Spezialwissen vorrätig habe, sei das aber kein Problem, sagen die Jungs, sie hätten prima Kurse für mich, in denen ich lernen würde, Spezialwissenkurse anzubieten, damit ich danach meinen Kunden beibringen kann, Kurse anzubieten, in denen man lernen kann… eh, wo waren wir?… Kurse zu verkaufen? Eine insgesamt recht trockene Geschichte, die bunte Welt der Betrüger ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Schalten wir um zum Verkaufs-TV. Früher, als es Netflix & Co noch nicht gab, habe ich gerne zugesehen, wie Hautcremes und Vorratsdosen angepriesen wurden. Das freundliche, endlose Geschnatter hatte etwas angenehm Einschläferndes. Nun habe ich nach Jahren wieder einmal eingeschaltet, aber gute Güte! Entweder habe ich mich verlangsamt oder das Tempo hat sich beschleunigt. Die Zahncreme für 25 Euro: „Sputen Sie sich! Das Tagesangebot ist begrenzt, wir hatten 4000 Stück, jetzt sind nur noch 400 da, hoppla, da haben wir jetzt nur noch zwei Minuten, die Bestände schwinden ins Unermessliche nach unten!“ Herrschaften, wenn ich Drama haben will, guck ich Action-Filme.

Zur Beruhigung bin ich vorübergehend in mein Badezimmer gezogen. Da liege ich nun mit dem Laptop auf den warmen Kacheln und danke meinem jüngeren Ich: die 150 Mark damals für eine Fußbodenheizung waren klug investiertes Geld. Ich hätte gerne noch weitergemacht mit dem Loben, weil ich bestimmt auch alles mögliche andere wirklich gut gemacht habe. Es fiel mir nur leider gerade nichts davon ein, außer den Karma-Punkten, die ich beim wöchentlichen Spaziergang mit meiner uralten, gebrechlichen Tante sammele. Wir kriechen zwanzig Minuten in die eine Richtung, machen eine Pause und schleppen uns zurück. Zwischendurch begegnen wir Hundebesitzer*innen. Meine Tante liebt Hunde, sie bleibt bei jedem stehen und sagt „das ist ja ein ganz Lieber!“ Wenn mir auf der Straße ständig fremde Menschen „Na, Du bist aber eine ganz Liebe!“ sagen würden, wäre ich sicher ein sehr viel besserer Mensch.

Das können wir dann ja tun, wenn wir uns wieder ungehemmt nahekommen dürfen: nette Sachen sagen. Auch zu jedem Fremden, der uns irgendwie niedlich erscheint. Es kann nur Gutes dabei rauskommen, ich freu‘ mich schon.

© Nele Nielsen

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