Schlüpfer an, Mütze auf!

05.03.2021 Auch Kleidungsstücke haben wahrscheinlich eine Seele. Geben wir also Unterhosen ein Zuhause, sprechen mit unseren Hasen im Kleiderschrank und seufzen um die Lokführermütze.

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Nachts um 3 Uhr 30 frage ich mich manchmal, was andere schlaflose Menschen gerade so treiben. Ich habe selber habe gestern um diese Uhrzeit Schlüpper im Internet gekauft. Und hoppla, da ploppt dann auch gleich eine kleine Zusatzinformation auf: 11 andere Frauen sind zeitgleich mit mir ebenfalls auf der Suche nach bequemer Unterwäsche. Was wollt Ihr mir damit sagen, Leibwäschehersteller? Dass ich mich nicht einsam fühlen muss, in dunkler Nacht? Dass ich mich sputen soll, weil die Höschen knapp werden? Vorschlag: öffnet Chat-Fensterchen für uns arme Seelen, dann können wir uns austauschen: „Hey, Wahnsinn, Du nimmt auch den saumlosen, taillenhohen Schwarzen? Und sonst? Was geht zum Welt-Frauentag?“ (Ich wünsche nebenher allen Frauen alles Gute. Und für die Anderen: Keine Bange, das Welt-Männerjahr läuft dann am 9. März planmäßig weiter.)

Sonst gibt es endgültig nichts mehr zu berichten, kein Hype weit und breit, außer diesem: jede*r verhält und kleidet sich seit Monaten zuhause so verpeilt und unhipp wie nur möglich. Manchmal öffne ich in Nachthemd und Fellpuschen den Kleiderschrank und staune, was da so hängt. „Ja, ja, ihr Hasen,“ sage ich, bevor ich die Tür wieder schließe. „Hängt mal schön weiter ab, vielleicht sieht man sich mal wieder, vielleicht auch nicht, die Zukunft ist ungewiss.“

Ungewiss ist auch die Zukunft meiner Leidenschaft. Der frischgebackene Lokomotivführer, den ich anvisiere, hat endlich alle Prüfungen bestanden und darf jetzt Uniform tragen. Ich war ein bisschen aufgeregt, bevor wir telefonierten, so ein Lokführer in Dienstkleidung ist ja fast so lecker wie ein Pilot. Ich würde demnächst, stellte ich mir vor, in seinem Arm liegen und von seinen tollen Abenteuergeschichten rollig werden. Jetzt weiß ich allerdings: der Lokführer hat gar keine Lust auf Abenteuer. Er träumt davon, bald einen hochmodernen ICE fahren zu dürfen. Vor der Fahrt wird der Bordcomputer mit Daten gefüttert, danach rollt der Zug alleine und der Mann im Cockpit guckt Sonnenauf- und untergänge. Und springende Rehe. Okay, damit könnte ich leben. Aber dann erfuhr ich die Sache mit der Mütze. Jeder anständige Kapitän trägt eine Dienstmütze, man muss nur einmal kurz Traumschiff gucken, dann weiß man das. Die Deutsche Bahn jedoch hat die Mütze abgeschafft, die Mütze mit dem Schirm und dem goldenen Sticker dran. Die Mütze, die Männer neidisch und Kinder ehrfürchtig werden ließ. Die Mütze, die Frauen zum Seufzen brachte. Ach, deutsche Bahn, Du Trine, jetzt hast Du meinen Traum zerbröselt. Aber ich komme schon wieder auf die Beine - es gibt noch reichlich Barkassenkapitäne in meiner Stadt.

© Nele Nielsen

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