Langweiling, really extrem

17.04.2021 Abenteuer waren gestern. Der neue Hype ist Langweiling. Wenn es gut gemacht ist, kann es jede Menge Freude bereiten.

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Es ist eine gute Zeit, um einem Club beizutreten. Aktuell besser einem, der auch online Interessantes bietet. Ich empfehle den englischen „Dull Club“. Dort darf man so dröge sein, wie man sich zurzeit oft fühlt und wird in seiner Langweiligkeit geschätzt. „Dull“ bedeutet alles Mögliche, von fade bis vertrottelt. Der Sinn des Clubs besteht darin, sich gegenseitig mit möglichst unspannenden Fragen und Geschichten zu unterhalten. Das ist oft einschläfernd, immer wieder aber auch sehr emotional. Kürzlich postete ein Mitglied das Bild von seiner offenen, nicht vollständig mit schmutzigem Geschirr vollgepackten Spülmaschine und berichtete von seinem Problem: “Ich stehe seit 20 Minuten am Geschirrspüler und frage mich, ob er voll genug ist, um ihn einzuschalten. Kann mich nicht entscheiden, habe das Geschirr bereits zweimal neu arrangiert.“ Generell stellen die Club-Member Fotos gerne Fotos von extrem reizlosen Dingen ein: der Stand eines Stromzählers („immer wieder neue Zahlen, faszinierend“), eine leere Spülmittelflasche („abzugeben, jemand interessiert?“), eine Sammlung Plastik-Schraubverschlüsse („noch jemand außer mir hier, der sie sammelt?) oder eine Packung Schrauben und Unterlegscheiben („ich habe sie eben gekauft und versuche nun, von der Begeisterung runterzukommen.“)

Wer jetzt denkt, dass er auf diesem Level nicht mithalten kann, dem möchte ich Mut zusprechen: Jede*r von uns hat Schlaffes zu berichten, denken Sie groß! „Gestern habe ich überlegt, einen Spaziergang zu machen. Aber dann war mir doch nicht danach und ich habe lieber meine Socken sortiert.“ Oder: „Vor einigen Jahren bin ich mal mit einer Kleinbahn durch einen Streichelzoo gefahren.“ Das sind lahme Erlebnisse erster Güte, mit denen man auch außerhalb eines Clubs viel Freude wecken wird.

Freude hoffte ich auch mit dem Anblick meines Morgenmantel zu bereiten. Aber als ich vor der Haustür in die Nachmittagssonne blinzelte, spazierte mein Nachbar Michi vorbei und rief „was hast Du denn da für‘n Kittel an?“ zu mir hin. Nun muss man wissen, dass Michi mit seiner steinalten Mutter zusammenlebt, um die er sich rührend kümmert. Die Mutter trägt geblümte Haushaltskittel, weil manch Hausfrau ihrer Generation das eben gerne tut. Mein knielanger, rosenholzfarbener Morgenrock ist ebenfalls geblümt, ansonsten aber ein feines, raffiniert geschnittenes Stöffchen. Ich sprang also sogleich zum Gartentor, um Michi zu zeigen, wie falsch er lag und ihm den Marsch zu blasen. Aber er blieb stur. „Nee,“ sagte er, „nee, nee, das is‘n Kittel, da geh‘ ich nicht von ab.“

Und wenn jetzt Jemand sagt: „Das ist aber eine echt langweilige Geschichte“, dann erwidere ich: “Stimmt, aber so ist das nun mal mit dem aktuellen Hype.“

© Nele Nielsen

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