Gefühl des Jahres

30.04.2021 Nach einem Jahr Pandemie fühlen wir uns alle ziemlich blah-blah, matt und verwurschtelt. Aber es gibt Hilfe: Sprechen und Honig.

© picture alliance / dpa / Zoonar | Anton Eine

Wenn ich so zurückdenke, habe ich den Eindruck, dass meine letzte Woche gar nicht so schlecht war. Ich kann mich aber auch irren, weil ich nur noch wenig erinnere, so grundsätzlich. Meine Verschwommenheit ist schon jetzt das Gefühl des Jahres, es heißt „languishing“, sagt ein Professor in der New York Times. Wenn man languisht torkelt man durch die Tage und betrachtet sein Leben wie durch eine verschmutzte Windschutzscheibe. „Nur weil Sie nicht depressiv sind, heißt das nicht, dass Sie keine Probleme haben - aber darüber zu sprechen, gibt der stillen Verzweiflung eine Stimme,“ sagt der Professor.

Viele Menschen beginnen mittlerweile, sich gegenseitig zu reizen, weil die ganzen aufgestauten Gefühle ja irgendwohin müssen. Eine entfernt lebende Freundin schickt mir seit Wochen provokante Fotos. Kürzlich ihren neuen Sessel, vor dem Möbel räkelte sich ihr Hund, ein unangenehm großes, aufdringliches, struppiges Tier. Ein andern Mal erhalte ich ein herrliches Strandbild, am Meeressaum tollt die Kreatur. Ich mag den Hund nicht, so wie ich alle anderen Hunde auch nicht mag, und die Freundin weiß das gut. Es ist, als ob sie mich hinterlistig kneifen würde. Sie selber hat panische Angst, sich ins Wasser zu begeben, also sende ihr Bilder von mir beim Schwimmen. So lassen wir unsere Verzweiflung raus, wozu sind Freundinnen schließlich da.

Abends sehe ich amerikanische Filme mit türkischer Synchronisation und deutschen Untertiteln. Manchmal machen die Türken es einfach besser als die Original-Schauspieler. Ich spreche hier nur von den türkischen Männern, sie haben überhaupt nichts erdoganisches, sie sind die einfühlsamsten Synchronsprecher überhaupt. Ich kann das so behaupten, denn ich habe auch die Franzosen, Italiener, Koreaner und Russen ausprobiert. Die Russen haben eine spezielle Herangehensweise, selbst wenn sie „es tut mir leid, dass Deine Frau gestorben ist“ sagen, klingt es nach „Du Hurensohn! Hör auf zu jammern!“ Die französischen Männer synchronisieren lässig, man hört heraus, dass es Wichtigeres zu tun gibt, zum Beispiel schnell nach Hause zu kommen und etwas Gutes zu trinken. Über die weiblichen Sprecher gibt es leider nichts zu sagen. Es ist schnurzpiepe, welche Sprache man wählt, die Frauen klingen alle gleich, nämlich einfach nur nett. Ladies, da darf dran gearbeitet werden.

Aber auch ich möchte natürlich nett sein und noch netter werden. Eine Freundin ohne Hund sagte mir neulich, ich würde allen immer Honig ums Maul schmieren. Ja, was denn?! Wenn das Leben einem Steine an den Kopf wirft, muss man sich darauf besinnen, dass es auch noch schöne Sachen gibt. Zum Beispiel, wenn man endlich das Altpapier weggebracht hat. Oder eben Honig.

© Nele Nielsen

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