Trendy Langeweile

16.05.2021 Wie gut, dass man viele schöne Sachen auch alleine machen kann. Sich romantisch langweilen oder abtauchen zum Beispiel.

Man geht in den Park oder einen Wald, umarmt einen Baum und fühlt sich dabei auf süße Art einsam. © ingimage.com

Der Plan, liebe Sehnsuchtsvolle, war: ich grabe den neuesten Trend junger Menschen aus, damit wir den Alle fröhlich ausprobieren oder uns zumindest wundern können, was es so an Merkwürdigkeiten gibt. Aber natürlich gibt es aktuell gar keinen Trend, außer dem, den wir alle schon kennen: wir benehmen uns wie in einem Roman um 1820 herum. Man lebt in kleinen Kreisen, geht zu zweit auf manierlichem Abstand spazieren, lässt die Finger von Fremden und wartet ansonsten, das irgendetwas geschieht. Wenn der Eiswagen bimmelt zum Beispiel oder die Postkutsche kommt. Oder man geht in den Park oder einen Wald, umarmt einen Baum und fühlt sich dabei auf süße Art einsam. Im Ernst, Dudes und Dudesses, etwas Besseres als Langeweile kriegen wir gerade nicht – also lasst uns irgendwas Romantisches tun. Vielleicht ein paar freundliche Briefe schreiben und mit Siegelwachs verschließen.

Ich selber habe die letzten Tage leider nur total unromantische Kurznachrichten versandt und das kam so: ein Text von mir stand online, es ging um eine Affaire, und es gab eine Kommentarfunktion. Gleich mehrere Leser*innen schrieben daraufhin, dass ich ein ganz moralloses Etwas sei. Dadurch wurde mir plötzlich bewusst, wie schlimm ich dran bin: sittenlos, eventuell, darüber kann man diskutieren, aber vor Allem doch nur ein bedürftiger Hase ohne Kuscheltier im Bett. Aus Frust texte ich den beiden Männern, die noch in meiner Vorratskammer lagern, dass ich Aufmerksamkeit und Süße bräuchte und sie sich mal hübsch vom Acker machen könnten. Na fein, dachte ich sofort danach, das war jetzt ja sehr klug gemacht.

Nach solchen Erlebnissen gehe ich abends in die Wanne, nur ich und der vielleicht beste Badezusatz der Welt. Er heißt „Tiefenentspannung“ und ist von der Firma Kneipp. (Kinderchen, wer etwas lernen möchte: Der Pfarrer Sebastian Kneipp wurde vor 100 Jahren am 17. Mai geboren und beschäftigte sich unter anderem mit Pflanzenheilkunde. Seitdem gibt es bis heute allerlei Gutes unter dem Namen Kneipp zu kaufen.) Auf dem Etikett des Fläschchens steht: “Verhilft nachweislich zu tiefer Entspannung und innerer Ruhe.“ Das ist komplett untertrieben, tatsächlich beamt die Essenz zuverlässig in eine Art angenehmer Bewusstlosigkeit. Ich denke mal, so hat Buddha sich gefühlt, als er mit allen Problemen durch war. Der Badezusatz ist sehr gut, kauft ihn einfach mal.

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