WOW!

20.05.2021 Langweilig und verplempert gibt es nicht: auch am drögsten Tag geschehen lauter kleine, intensive Dinge mit WOW!-Faktor.

WOW-Effekt: Hochbeete sind der neue Hype © ingimage.com

Es gibt eine neue Bewegung, die ich sofort ausprobiert habe. Wobei „neu“ und „sofort“ es nicht wirklich treffen, aber in den letzten paar Jahren war ich eben noch nicht interessiert an „The Quantified Self“. Die Anhänger*innen vermessen mit Apps und Sensoren ihr Sein und Tun (Bewegung, Ernährung, Blutdruck, Schlaf etc.), werten es aus und optimieren sich dann. Reizt mich kein bisschen. Jetzt habe ich allerdings erfahren, dass manche Self-Tracker ganz altmodisch ein Logbuch führen, in dem sie einfach alles notieren, was sie tagsüber so erleben. Das Ganze dient der Selbsterkenntnis und Reflexion. Da möchte ich dabei sein. Es gibt Self-Tracker, die machen alle zehn Minuten eine Notiz, aber ich möchte nur einen groben Überblick, um die Frage zu beantworten: verdaddel ich meine Tage komplett oder tue ich zwischendurch auch etwas Sinnvolles?

Hier mein 18. Mai, ohne Beschönigungen:
12.00 Frühstück im Garten, dabei Zeitung gelesen, mich empört, beschlossen, das Abo zu kündigen, potentielle Kolumnen-Themen notiert.
14.00 Hundertzwanzig laue Sit Ups gemacht, mich gewaschen, ein frisches, tagestaugliches Nachthemdchen angezogen.
14.30 an den Laptop gesetzt, um mit der Arbeit zu beginnen.
14.40 zum Briefkasten gegangen, einen häßlichen Behördenbrief geöffnet.
14.45 versucht, die Unterlagen zu suchen, die die Behörde haben will.
14.50 bisschen Wäsche erledigt.
15.10 Telefonate mit Cousine und Freundin.
16.30 mich auf WhatsApp und Instagramm herumgetrieben, freundliche Nachrichten geschrieben.
17.30 ernsthaft mit der Arbeit begonnen.
18.25 aus dem Fenster geschaut, den Nachbarn gesehen, mich nett über Larifari unterhalten.
19.15 weitergearbeitet. Dabei etwa 10-mal Bubbles gespielt.
22.30 Abendbrot bereitet, auf dem Sofa gegessen und „Halston“ geguckt.
01.00 Geschirrspülmaschine ausgeräumt.
01.15 im Internet Ferienhäuser und Sandalen angeguckt.
02.30 Schlafen gegangen.

Wow! Und ich sage ausdrücklich noch einmal: Wow! Natürlich hätte ich auch ein Hochbeet anlegen können, das hätte in den Augen mancher Menschen etwas mehr hergemacht. Hochbeete sind der neue Hype, jedermann um mich herum bastelt sich ein Hochbeet. Auf einem Hochbeet wächst alles schneller und schöner. Meine Nachbarinnen lassen zudem den pH-Wert ihres Bodens messen und ergreifen dann Maßnahmen. Das würde ich auch gerne einmal tun, es steht seit etwa 20 Jahren auf meiner To Do-Liste. Aber dann gehe ich vor die Tür und sehe den Waldmeister blühen. So eine tapfere kleine Pflanze, sie schert sich nicht um Bodenwerte.
Zurück zum 18. Mai: Wow und toll also, ich habe eine Menge Emotionen durchlebt, ich darf künftiger etwas weniger streng mit mir sein. Und Ihr, meine geschäftigen Maikäfer, dürft das unbedingt auch.

© Nele Nielsen

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