Echtes Leben

23.07.2021 Fast schon vergessen, bei all dem Rumgegurke im Internet: Räucherstäbchen können ins Glückbärchiland beamen und manche Teenager wissen’s einfach besser.

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Ich bin nach langer Zeit mal wieder aus dem Haus gegangen, und zwar einfach nur so zum Rumschlendern, in einen Stadtteil, in dem ich vor Corona öfters war. Es gibt dort lauter kleine Geschäfte mit schönen, nicht wirklich lebensnotwendigen Dingen, zum Beispiel Räucherstäbchen. Der Räucherstäbchenmann beriet mich hingebungsvoll und belohnte meinen 3 Euro-Einkauf mit einem Probe-Stäbchen. Es wurde sorgfältig in eine alte Telefonbuchseite eingewickelt und beschriftet. Zuhause wickelte ich das Stäbchen vorsichtig aus, befühlte das Papier und las mir die Namen, Adressen und Telefonnummern durch. Ich fühlte mich ein bisschen, als sei ich auf eine verschollene Papyrusrolle gestoßen. Dann zündete ich das Räucherstäbchen an und in der Luft lag auch später noch lange etwas Interessantes zwischen Elfental und Glückbärchiland. Zum Abschied hatte der Verkäufer mir übrigens noch Segenswünsche mit auf den Weg gegeben. Es war insgesamt definitiv eine ziemlich wunderbare und aufregende Sache, mal wieder was bei einem echten Menschen zu kaufen.

Auf der Straße waren viele junge Menschen unterwegs, sehr erfrischend. Ich hatte vergessen, dass es sie gibt, in meinem Stadtteil treiben sich hauptsächlich junge Familien und Großeltern herum. Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, treffe ich mich hin und wieder mit der Teenager-Tochter einer Freundin. „Wollen wir uns sehen?“ texte ich der 16jährigen neulich und sie antwortet „safe Ruf an“. „Safe Ruf an“, yes, das belebt wie ein guter Morgenkaffee. Ich möchte auch „safe Ruf an“ schreiben, allen möglichen Leuten, aber meine WhatsApp-Texte sind zwanghaft altertümlich: Anrede großgeschrieben, Kommata, Punkte, schöne Grüße und so weiter, insgesamt benehme ich mich wie der Hofberichterstatter Königin Victorias. Sollte ich mich etwas jugendlicher geben? Ich bin unsicher. Neulich fühlte ich mich echt knorke und wählte mein Outfit danach: Shorts, Cowboystiefel und einen gehäkelten Hippiemantel. Die Freundin, die ich anschließend traf, ging vor Lachen in die Knie und konnte sich nicht mehr beruhigen. Die Teenagerin hingegen zuckt mit keiner Wimper, egal, was ich trage. Sie selbst trägt ein Stückchen Stoff über den Brüsten und den Reißverschluss komplett offen. Der Knopf ist natürlich auch nicht geschlossen, alles andere würde ja auch albern aussehen, das begreife selbst ich. Bei unserem Treffen haben wir über Toleranz und konsequente Korrektheit diskutiert. Danach fiel ich erschöpft ins Bett und fühlte mich wie eine hundertjährige Schildkröte – die lässt sich eben nicht gerne belehren, schon gar nicht von Jemanden, der 85 Jahre jünger ist und prinzipiell total Recht hat.

© Nele Nielsen

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