Songwriter-Freigeist: Magdalena Ganter und «Neo Noir»

11.03.2021 «Neo Noir» nennt Magdalena Ganter ihr erstes eigenes Album. Zwischen Jazz- und Indiepop, Chanson und Walzer wechselt die Wahl-Berlinerin mühelos hin und her. Hier entpuppt sich ein großes Songwriter-Talent.

Magdalena Ganter offenbart ein beeindruckendes Spektrum. Foto: Marcus Engler/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Magdalena Ganter? Der Name sagt den meisten wohl - erstmal nichts. Dabei ist diese 1986 im Schwarzwald geborene Künstlerin schon länger als großes Talent in der Popszene unterwegs (dazu später mehr).

Und mit ihrem ersten unter eigenem Namen veröffentlichten Album sollte sich nun unbedingt etwas ändern am Bekanntheitsstatus der Ganter (bei ihr darf man das durchaus mal so divengemäß ausdrücken, wie bei «die Dietrich» oder «die Lemper»).

Denn «Neo Noir» (Revolver/Cargo) ist ein «Debüt»-Album von solcher Frische und Brillanz, dass man darüber nachgrübelt, wie man die Mittdreißigerin so lange übersehen konnte. Es gibt klug getextete, wunderbar instrumentierte Piano-Walzer wie «Schutzraum» oder die Berlin-Hommage «Hilde und Hermann», berührende Popsongs wie «Der Wind» und «Punkerengel» oder auch freche Lieder wie «Nackt» zu hören. Magdalena Ganter offenbart ein beeindruckendes Spektrum.

Wenn sie, mit trotzig zurückgeworfenem Kopf, singt: «Ich geh jetzt duschen/und zwar nackt/und nur für mich alleine/und ich lieb mich sehr dabei...», dann könnte man das als Effekthascherei abtun. Muss man aber nicht, weil diese Sängerin auch Erotik - darin einer Annett Louisan nicht unähnlich - stilsicher zu inszenieren weiß. Und weil diese exaltierten Stücke - in denen Ganter, wie später auch in «Zuhause», gern mal lässig pfeift - immer direkt neben entrückten Chansons wie «Bin nicht», «Wieder frei» oder «Ins Licht» stehen.

Diese Sängerin und Pianistin lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Sie ist ein Songwriter-Freigeist, der sich am ehesten mit der wunderbaren Dota Kehr vergleichen lässt. «Der Werdegang dieses Albums, meiner Debütplatte unter eigenem Namen, kam einem Tanz auf dem Vulkan gleich. Im Grunde also ganz nach meinem Geschmack», erklärt Ganter in ihren Anmerkungen zu «Neo Noir». Und passend dazu singt sie in «Neue Ufer»: «Das Leben wartet mit offenen Armen auf dich/es ruft/sei mutig/geh weiter geh weiter/hab keine Angst.»

Die Wahl-Berlinerin hat das mal ganz stille, mal opulent arrangierte Album zusammen mit ihrem musikalischen Partner Simon Steger entworfen, der sie schon im Electro-Chanson-Trio Mockemalör begleitete. Produziert wurde «Neo Noir» von Tobias Siebert (Me & And My Drummer, Enno Bunger, And The Golden Choir).

Die Sängerin sei von kammerorchestralen Klängen und Varieté-Musik der 1920er Jahre beeinflusst, meint ihr Label (ja, warum nicht mal ein Auftritt im Soundtrack von «Babylon Berlin»?). Aber auch Jazz und melancholischer Indiepop gehören zur Mixtur dieses Albums, dessen Lieder «überall dort funktionieren, wo ein Klavier steht», wie Ganter sagt. «Bereit? Na dann, hau rein, Kapelle!», befiehlt sie burschikos vor dem abschließenden «Kleinen Lied», das dann freilich fast nur vom Piano und ihrer tollen Stimme lebt.

Also, wo kommt so ein Top-Talent nun her? Nach der Jugend in Süddeutschland studierte Ganter an der Berliner Universität der Künste (UdK) Gesang, Tanz und Schauspiel. Mit dem Top-Diplom in der Tasche tingelte sie zwischen Wien, Prag, Amsterdam und Berlin von Theaterhäusern zu Varieté-Zelten, ehe sie sich auf eine Musikkarriere konzentrierte.

2011 gründete sie das Artpop-Trio Mockemalör, mit dem sie drei Alben veröffentlichte. Erst seit 2018 tritt Ganter unter eigenem Namen auf und ist unter anderem Hauptpreisträgerin des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg 2020.

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