Sault: Soundtrack für «Black Lives Matter»

26.12.2020 Keine Band wird 2020 so gefeiert wie ein anonymes britisches Projekt namens Sault. Mit zwei Alben zwischen Polit-Soul und Hip-Hop liefern die Musiker einen kraftvollen Soundtrack für «Black Lives Matter».

Das Cover des Sault-Albums «Untitled (Black Is...)». Foto: Sault/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Songtitel sind Programm: «Strong», «Fearless», «Street Fighter», «Free» und «Scary Times». So hat das bis heute rätselhafte Bandprojekt Sault einige seiner aktuellsten Lieder genannt.

Es sind Stücke, die mit ihren einschmeichelnden Melodien und treibenden Rhythmen perfekt ins Ohr und in die Beine gehen. Zugleich streuen sie politische Botschaften der weltweiten Bewegung «Black Lives Matter» (BLM) - und zielen damit auf Hirn und Herz der Hörer.

Es geht in den Sault-Texten um gemeinschaftliche Stärke und persönlichen Mut, um das Streben nach Gleichberechtigung und den Widerstand in «furchterregenden Zeiten». Bilder vom grausigen Tod des Afroamerikaners George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten Ende Mai in Minneapolis schwingen stets mit. Aber auch Zuversicht für die lange überfällige gesellschaftliche Ermächtigung schwarzer Menschen in den USA - und weit darüber hinaus.

Musikalisch ist hier ein hoch ambitionierter, hoch politischer Mix aus 70er-Jahre-Soul, Gospel, Hip-Hop, Afrobeat und Disco-Pop zu hören - eine Art «Black Musical», mit dem das seit 2019 aktive Kollektiv Sault den Anti-Rassismus-Kampf anfeuert. Die Kritiker sind sich einig wie selten: Mit dem Album «Untitled (Rise)» vom Herbst und dem nur wenige Wochen älteren Vorgänger «Untitled (Black Is...)» hat diese Band den Konsens-Sound des Krisenjahres erschaffen. Und nebenbei auch noch ikonisch schlichte Plattencover: eine geballte Faust, zwei betende Hände - vor schwarzem Hintergrund.

Umso erstaunlicher, dass die von riesigem Erfolg gekrönte doppelte Kreativitätsexplosion ohne breite Vermarktung durch ein Plattenlabel gelang - sondern nur mit Vinyl-Veröffentlichungen und teilweise kostenlosen Digitalangeboten, all das so gut wie anonym. Man weiß nämlich auch gut eineinhalb Jahre nach dem ersten Lebenszeichen mit dem Album «5» kaum Konkretes über die Sault-Musiker. Der Produzent Dean Josiah Cover alias Inflo gehört dazu, wohl auch die Soul-Sängerin Cleo Sol und die Hip-Hop-Künstlerin Kid Sister.

«2020 gab es kaum Eindrucksvolleres», urteilt beispielsweise der Chefredakteur des Musikmagazins «Rolling Stone», Sebastian Zabel - und setzt die beiden Sault-Werke auf Platz 1 und 2 seiner Jahresbestenliste. Auch viele andere Pop-Publikationen platzieren die Briten als einzige Künstler mit gleich zwei Alben 2020 weit oben.

Die ARD-Kultursendung «titel thesen temperamente» (ttt) nennt Sault, in deren Konzeptalben auch mal Polizeisirenen und «Don't shoot!»-Mahnungen aufblitzen, in Anspielung auf den britischen Streetart-Künstler «die Banksys der Musikszene». Dies sei «der politische Sound des Jahres» von der «Band der Stunde».

Der Versuch von «ttt», mit den Musikern ein Gespräch zu führen, schlug indes fehl - man habe «immerhin eine offizielle Absage» erhalten. Welche Botschaften hinter der Musik stecken, mussten in der Sendung Experten erläutern, etwa der DJ und Musikjournalist Klaus Walter: «Sault lösen sozusagen ein Versprechen ein von schwarzer Musik, die auch einen gewissen Universalismus noch repräsentiert.» Letztlich gehe es um «Utopien, die viele Schwarze nicht mehr haben».

Band-Fotos und Videos gibt es also nicht - nur die plakativen Albumcover-Artworks. So haben Sault am Ende eines Jahres, das «Black Lives Matter» aus traurigen Anlässen wieder nach vorn brachte, einen so aufrüttelnden wie tröstlichen Soundtrack zum Protest geliefert - ohne dass man die Musiker bisher kennt.

Wer Bilder von BLM-Ikonen finden will, deren Alben 2020 ebenfalls wichtig im Kampf gegen Rassismus waren, muss woanders suchen. Etwa bei den Polit-Rappern Run The Jewels («RTJ 4»), ihren älteren Kollegen Public Enemy («What You Gonna Do When The Grid Goes Down») oder auch dem fabelhaften Afro-Jazz-Saxofonisten Kamasi Washington («Becoming»). Und doch erzielen selbst diese politisch eindringlichen US-Künstler nicht die Wirkung der britischen Anonymus-Band Sault.

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