Ein Olympia-Märchen - Ulrike Meyfarth wird 65

04.05.2021 Heide Rosendahl und Ulrike Meyfarth waren die Heldinnen der Olympischen Spiele von München. Dass Meyfarth zwölf Jahre später erneut Gold holte, gehört zu ihrer ganz besonderen Geschichte.

Ulrike Meyfarth beim 50. Ball des Sports 2020 in Wiesabden. Foto: Thomas Frey/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ihre zwei Goldmedaillen hängen gerahmt an «unauffälliger Stelle im Wohnzimmer» in Odenthal.

Ulrike Nasse-Meyfarth ist keine, die in ihrer ruhmreichen Vergangenheit schwelgt, und sie ist froh, wenn sie ihre einmalige Geschichte im deutschen Sport zu ihrem 65. Geburtstag nicht wieder mal erzählen muss: 1972 bei den Olympischen Spielen in München als 16 Jahre junge Sensationssiegerin im Hochsprung mit Weltrekord. Zwölf Jahre später in Los Angeles - nach vielen Tiefen - noch einmal Gold.

Bis heute ist Nasse-Meyfarth, wie sie seit ihrer Heirat 1987 mit dem Anwalt Roland Nasse heißt, die jüngste Einzel-Olympiasiegerin in der Leichtathletik. Die viermalige deutsche «Sportlerin des Jahres» (1981 - 1984) wird am Dienstag 65. «Ich hab' noch keinen eingeladen», sagte die Mutter zweier Töchter angesichts der Umstände in der Corona-Pandemie.

Die Haupttätigkeit der Diplom-Sportlehrerin besteht derzeit aus dem Training von Kleingruppen von bis zu 14-Jährigen beim TSV Bayer 04 Leverkusen, mehr geht gerade nicht in der Leichtathletik-Basis. «Da bin ich mit der Organisation gut beschäftigt», sagte Nasse-Meyfarth der Deutschen Presse-Agentur.

Gedanklich beschäftigen sie natürlich auch die Olympischen Spiele in Tokio. «Das ist eine ganz nervige Situation. Ich weiß nicht, ob ich hinfahren würde.» Aber von einer generellen Absage hält die Europameisterin von 1982 und WM-Zweite von 1983 nichts: «Die ganzen Athleten sind in der Form ihres Lebens: Da kann man denen nicht sagen: Geht nicht hin! Das wäre gefühllos.»

Ulrike Meyfarth war an jenem 4. September 1972 eigentlich nur eine Gymnasiastin aus Köln-Rodenkirchen, die drei Jahre zuvor mit dem Hochsprung angefangen hatte und ihre ersten Spiele genießen wollte. «Ich war unbedarft, ich war naiv.» Als die Latte der krassen Außenseiterin vor 80 000 Zuschauern auf 1,90 Meter lag, herrschte komplette Stille im weiten Rund - und ein ohrenbetäubender Aufschrei, als Meyfarth ungestreift und lachend auf der hellgrünen Matte landete und damit die Bulgarin Jordanka Blagoewa und die Österreicherin Ilona Gusenbauer besiegte. «Es waren nur zwei Sekunden in meinem Leben - aber entscheidende.» Danach sprang sie sogar noch 1,92 - Weltrekord.

Mit diesem frühen Ruhm umzugehen, das sei nicht nur wegen des Alters schwierig gewesen. Wenige Stunden danach gab es das schreckliche Attentat auf die israelische Mannschaft, das die Geschichte der Olympischen Spiele für alle Zeiten veränderte. «Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Nach so einem Erlebnis gleich diese Nachricht. Ich stand nicht mehr im Mittelpunkt, das hatte sicher auch Vorteile.»

Und dennoch: Fortan war die großgewachsene Meyfarth, von der die Jungs auf dem Schulhof bis dato nicht viel wissen wollten, ein Star.
Später sprach sie oft von einem «Trauma», das sie erlitten habe. Heide Ecker-Rosendahl war damals mit zweimal Gold und einmal Silber die zweite große Frauen-Figur von München 1972. «Sie hatte danach einige Täler zu überwinden», sagte Ecker-Rosendahl vor einigen Jahren. «Dass sie es zwölf Jahre später noch einmal geschafft hat, ist eine enorme Leistung.»

Bei Olympia 1976 in Montreal verpasste Meyfarth das Finale, 1980 in Moskau fehlte sie wegen des Boykotts. «Zwölf Sommer Einsamkeit vergingen», beschrieb sie in ihrer Biografie die Zeit zwischen 1972 und 1984. Und zu München 1972: «Ich verfluche diesen Tag.» In Los Angeles dann schwebte Meyfarth «als gewachsene Athletin im besten Alter» wieder im siebten Himmel. Diesmal lag die Latte sogar auf 2,02 Meter. «Da hat sich der Kreis geschlossen.»

2011 wurde sie in die deutsche «Hall of Fame» aufgenommen. In die Ruhmeshalle des Leichtathletik-Weltverbandes wollte Nasse-Meyfarth partout nicht. «Es ist doch eine große Schande, was alles an Schmutzigem und Verwerflichen unter Ex-Präsident Lamine Diack passiert ist. Diese Vetternwirtschaft, Korruption, vertuschte Dopingtests - einfach unfassbar», erklärte sie schon vor Jahren.

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