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Ghosting: Wenn sich eine Bekanntschaft in Luft auflöst

Nach zwei oder 20 Dates ist Schluss, nur halt nicht offiziell. Die Gründe erfahren manche nie. Die Psychologin Anja Wermann hilft Betroffenen von Ghosting in ihrer Beratungsstelle.
Ghosting
Anja Wermann

«Ich glaube, das zwischen uns beiden wird nichts» - das wirkt zu konkret, zu absolut. Was ist, wenn mich mein Date vom vergangenen Wochenende dann arrogant findet, wenn ich so etwas schreibe? Stattdessen vielleicht lieber einfach Funkstille, das macht es einfacher. Doch für wen? Meistens nur für Ghoster.

«Ghost» ist Englisch und bedeutet «Geist». Als Ghoster werden Menschen bezeichnet, die einmal da waren, jedoch unsichtbar geworden sind. Sie brechen einfach ein Verhältnis einseitig ab, ohne das Gegenüber auch offiziell darüber in Kenntnis zu setzen. Sie reagieren weder auf Nachrichten noch auf Anrufe. Diese Erfahrung machen nicht nur Normalos - auch Schauspielerin Drew Barrymore («Drei Engel für Charlie») ist schon Opfer eines Ghosters geworden, wie sie dem «People»-Magazin im Jahr 2022 sagte.

Im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur erklärt die Berliner Psychologin Anja Wermann, dass Ghosting nicht dasselbe wie eine Trennung sei. «Bei einer Trennung sieht man es meist kommen, man führt vielleicht ein Abschiedsgespräch. Beim Ghosting wird dagegen der Grund für das Ende der Beziehung nie genannt», sagt die 40-Jährige, die Ende 2020 selbst geghostet wurde.

Manchmal Kummer auf Jahre

Seit 2021 betreibt Wermann in ihrer Praxis in der Hauptstadt eine Beratungsstelle für so sitzengelassene Menschen. Zu ihr kommen meistens eher Frauen zwischen Ende 20 und Anfang 50, seltener auch Männer. Manche ihrer Hilfesuchenden kauen noch Jahre nach dem plötzlichen Ende darauf herum.

«Verlassen werden trifft immer ins Herz», sagt der Paar-Psychologe Eric Hegmann aus Hamburg. «Wenn heute ein Phänomen für die Angst vor Unverbindlichkeit beim Kennenlernen steht, dann ist es Ghosting.» Auch er kennt die Schmach der Sitzengelassenen aus seiner Praxis. Für sie ist Ghosting «ein so weitverbreitetes Phänomen», dass es in der Datingwelt als «Plage» bezeichnet wird.

Ernsthafte Folgen möglich

Auch wenn vielleicht ein nur kurzlebiges Verhältnis auf diese Weise beendet wird, hinterlässt die Stille Folgen für künftige Beziehungen. «Die Betroffenen klagen häufig, dass es ihnen danach immer schwerer fiel, neuen Kontakten zu vertrauen», sagt Hegmann. Und mehr: «Ich habe Klienten, die berichten von schweren Symptomen: Gewichtsverlust, Schwindel, körperliche Schmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit.»

Daher ist das Phänomen in den Fokus von Gesundheitsangeboten gerückt: Krankenkassen informieren online darüber, auch Podcasts und Profile in den sozialen Medien widmen sich dem Thema. Dadurch wird klar: Es ist ein Irrglaube, dass man der anderen Person Schmerzen erspart, wenn man sich rar macht. «Es ist andersherum: Man knabbert an einem Ghosting viel mehr als an klaren Ansagen», sagt Psychologin Wermann.

Spurlos verschwinden ganz einfach

Klar, Ghosting klingt wegen des englischen Namens wie ein neues Phänomen. Die Dynamik dahinter ist jedoch altbekannt. Früher nannte man es einfach «jemanden sitzen lassen» oder «Zigaretten holen».

Es gibt nur einen Unterschied: «Nie zuvor war es so leicht, Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen», so Hegmann. Das Internet ermögliche es, auf zahlreichen Apps Menschen kennenzulernen, denen man sonst nie begegnet wäre. Genauso schnell kann man auch spurlos verschwinden. Das wäre anders, wenn es eine Art der sozialen Kontrolle gäbe, weil man den Menschen etwa aus dem erweiterten Freundeskreis kennt. «Aber: Es ist nie das Medium, das ghostet, es sind Menschen, die das tun», betont Hegmann.

«Nachdem ich einmal geghostet wurde, hat sich mein Blick verändert», sagt die Ghosting-Expertin Wermann. «Ich würde jetzt immer schreiben: "Es tut mir leid, für mich passt es nicht." Ich denke, dass eine klare Ansage immer besser ist.» Ihr persönlich habe es auch geholfen, daran zu glauben, dass sie diese Erfahrung in Zukunft vielleicht verstehen werde. «Und man währenddessen versucht, sein Leben weiterzuleben, und den eigenen Fokus aufs Positive lenkt.»

© dpa ⁄ Weronika Peneshko, dpa
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