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Biden gegen Trump: "Totaler Krieg" in den sozialen Medien

10.11.2020 - Joe Biden ist der gewählte nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, doch Amtsinhaber Donald Trump klammert sich ans Weiße Haus und sein ältester Sohn droht mit einem „totalen Krieg“ vor Gericht. Dabei ist der „totale Krieg“ schon lange im Gange, nämlich vor allem auf Facebook und Twitter.

  • Schon das TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten wurde mit harten Bandagen geführt, doch in den sozialen Medien geht die Post erst richtig ab. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Schon das TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten wurde mit harten Bandagen geführt, doch in den sozialen Medien geht die Post erst richtig ab. Foto: Patrick Semansky/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • „Totaler Krieg“: Noch-US-Präsident Donald Trump teilt gern über Twitter aus. Foto: Chris Carlson/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    „Totaler Krieg“: Noch-US-Präsident Donald Trump teilt gern über Twitter aus. Foto: Chris Carlson/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Der künftige US-Präsident Joe Biden schaffte seinen Sieg auch dank einer gezielten Facebook-Kampagne. Foto: Andrew Harnik/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Der künftige US-Präsident Joe Biden schaffte seinen Sieg auch dank einer gezielten Facebook-Kampagne. Foto: Andrew Harnik/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Nichts ist heilig

Man mag die deutschen Politiker für farblos, langweilig und ab und an für nervtötend halten, doch was ich immer an ihnen geschätzt habe ist die kollektive Entrüstung, wenn in der politischen Auseinandersetzung die Grenzen des guten Geschmacks verletzt werden. Hierzulande würde wohl kein Repräsentant einer demokratischen Partei auf die Idee kommen den „totalen Krieg“ auszurufen. Die Assoziationen mit Joseph Goebbels‘ Sportpalast-Rede von 1943 wären sofort gegeben und der oder die Politikerin müsste wohl ziemlich schnell von seinen Ämtern zurücktreten.

Nun hat also Donald Trump jr. sich dieses Unworts bedient. Der älteste Sohn Donald Trumps gab – ganz der Vater – via Twitter zum Besten, dass es an der Zeit sei „aufzuräumen und nicht mehr auszusehen wie eine Bananenrepublik.“ Dass sorgt nicht nur bei mir für einige Belustigung, ist es doch gerade ein Charakteristikum von Bananenrepubliken, dass ein Präsident Mitgliedern seines Clans politischen Einfluss überträgt. Da sind die USA unter Trump leider den Autokraten dieser Welt näher als den Demokratien.

Silvios schlechtes Vorbild

Allenfalls ein Silvio Berlusconi schickte zu seiner Zeit als italienischer Premier eine ganze Armada von Vertrauten seiner TV-Sender als Parlamentarier oder Minister in die politische Arena. Der Cavaliere, bekannt durch „Bunga Bunga“ und missglückte Haartransplantationen, verstand es wie kein anderer das Fernsehen, das wichtigste Medium der 1990-er Jahre, für sich zu nutzen. So macht es auch „The Donald“, der mit seinem frauenfeindlichen Zitat „You can grab them by the pussy“ und schlecht sitzendendem gelbem Haupthaar in Silvios unseliger Tradition steht, nur dass er statt des Fernsehens lieber Twitter und Facebook nutzt.

Dabei ist Trump eigentlich ein Kind des Fernsehens. Mit einer kleinen Unterbrechung lief die Reality-Show „The Apprentice“ mit ihm in der Hauptrolle von 2004 bis 2015 auf NBC. Trump lockte Kandidaten mit der Aussicht auf einen 250.000-Dollar-Job in seinem Unternehmen. Zwei Teams traten gegeneinander an und ein Mitglied des unterlegenen Teams wurde von Trump mit den mittlerweile geflügelten „You’re fired!“ aus dem Team entlassen und heimgeschickt.

Twitter und Facebook statt TV

Als Präsident hingegen ist Trump ein begeisterter Twitter-Nutzer. Schnell erkannte er, dass er seine Anhänger über dieses Medium ohne Filter und überall erreichen kann. Wenn @realDonaldTrump den TV-Sender CNN, die Zeitung Washington Post oder am besten gleich alle ihn nicht wohlgesonnenen Medien als „fake news“ abstempelt, ist das Teil der aktuellen Trump-Show – nur mit dem Unterschied zu früheren Zeiten, dass da kein Regisseur ist, der die Wutanfälle des Hauptdarstellers zügeln würde. So oblag es Twitter höchstselbst die Behauptungen des republikanischen US-Präsidenten über angeblichen Wahlbetrug mit nüchternen Warnhinweisen zu versehen.

Anders als Trump setzte sein demokratischer Konkurrent Biden in erster Linie auf eine gut geplante Facebook-Kampagne – und das unter erschwerten Bedingungen, musste Bidens Team doch für seine Facebook-Anzeigen teilweise deutlich mehr bezahlen als der Gegner, da Trumps Proll-Kampagne von Facebook als „relevanter“ eingestuft wurde.

Besonders krasse Unterschiede fand die Analyse von The Markup im Juli und August 2020 in den „swing states“, also in den US-Bundesstaaten, in denen beide Parteien Chancen auf eine Mehrheit hatten – und die sich im Endeffekt auch wieder als wahlentscheidend entpuppen sollten. Dort kosteten die Anzeigen der Demokraten im Durchschnitt doppelt so viel wie die der Republikaner. So bezahlte die Trump-Kampagne im Schnitt 17 US-Dollar pro 1.000 ausgespielte Anzeigen, die Biden-Kampagne hingegen 34 US-Dollar.

Kampf um die Mikrozielgruppen

Wie das US-Medium The Markup ermittelte, hatten Trump seine hetzerischen Anzeigen schon im Wahlkampf 2016 gegen Hillary Clinton finanzielle Vorteile verschafft. Damals profitierte der spätere Präsident darüber hinaus von Daten der Firma Cambridge Analytica, die auch im Verdacht steht ebenfalls im Jahr 2016 die Kampagne der Brexit-Befürworter in Großbritannien maßgeblich unterstützt zu haben.

Auf Basis der von Cambridge Analytica gesammelten Daten konnte Trumps Team sogenannte Mikrozielgruppen ermitteln, die mit maßgeschneiderten Botschaften über Facebook angesprochen wurden. Aus derartigen Datensätzen gewonnene Informationen wie Wohnort, Geschlecht, Einkommen, religiöser Zugehörigkeit oder Konsumvorlieben helfen durch das Ausspielen gezielt negativer Inhalte die Nutzer und ihre Meinung in eine gewünschte Richtung zu lenken. Auch im analogen Wahlkampf wurde auf die gewonnenen Erkenntnisse zurückgegriffen. Die Wahlkampfhelfer Trumps sollen mit 32 Gesprächsleitfäden auf Stimmenfang geschickt worden sein. Jeder Leitfaden war auf eine andere Persönlichkeit ausgerichtet.

Surreale Wahlkampf-Blüten

Die gezielte Online-Werbung über soziale Medien trieb im US-Wahlkampf mitunter recht surreale Blüten, wie die Organisation Who Targets Me herausfand, als sie mehr als 350.000 Facebook-Anzeigen untersuchte. So warb z.B. der Schauspieler Jonathan Del Arco, der in der Serie „Star Trek“ (hierzulande auch bekannt als „Raumschiff Enterprise“) den Borg Hugh gespielt hatte, für eine virtuelle Spendengala von Bidens Demokratischer Partei für Fans der Science-Fiction-Serie. Beam me up, Scotty!

Zwar versichert Facebook immer wieder die persönlichen Daten seiner Nutzer nicht zu versilbern, doch Social-Media-Profis können relativ einfach herausfinden, welche Zielgruppe auf ihre Anzeigen reagiert. Über sogenannte UTM-Parameter, die an den eigentlichen Kampagnen-Link angefügt werden, kann man ermitteln, ob Nutzer bereits für den Wahlkampf des Kandidaten gespendet haben, zu welcher Altersgruppe sie gehören und in welchem US-Bundesstaat sie leben.

Kampf mit harten Bandagen

Dabei überrascht laut der Aktivistengruppe Who Targets Me, wie viele Anzeigen Trump schaltete, um Spender zu gewinnen. Hardcore-Trump-Fans bekamen in diesem Zusammenhang gern krawallige Werbung zugespielt, in der Biden z.B. als „Strohmann der radikalen Linken“ diffamiert wurde. Gerade einmal 15% der Anzeigen waren hingegen dafür ausgelegt unentschlossene Wähler für den Kandidaten der Republikanischen Partei zu gewinnen. Hier schlug das Trump-Team dann auch deutlich moderatere Töne an.

Auch Bidens Team war im „totalen Krieg“ auf Facebook alles andere als zimperlich. Rund 3% der Facebook-Anzeigen liefen unter dem Titel „Condemn Trump“, in denen insbesondere die Wut über das Versagen der US-Regierung in der Corona-Pandemie geschürt wurde. Darüber hinaus legte die Biden-Kampagne einen Schwerpunkt auf jüngere Wähler, die davon überzeugt werden sollen, dass auch Fans der eher linken Demokraten Elisabeth Warren oder Bernie Sanders für den Konsenskandidaten stimmen sollten.

Keine schönen Aussichten

Die Hoffnung, dass die zutiefst gespaltenen USA unter der Führung von Joe Biden und seiner Vizepräsidentin Kamala Harris in Zukunft wieder zu echten Vereinigten Staaten werden, mag berechtigt sein. Der nächste US-Wahlkampf wird aber dennoch mehr an das Duell Rocky Balboa gegen Ivan Drago als an den zivilisierten Wahlkampf in Deutschland erinnern.

Der übernächste US-Präsident wird 2024 gewählt und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass dann das Internet und die sozialen Medien eine noch größere Rolle spielen werden. Für das Jahr 2023 werden vom Statistik-Portal statista.de rund 317 Millionen in den USA lebende Internet-Nutzer prognostiziert. Das entspricht 94% der erwarteten Gesamtbevölkerung.

 

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