Neue WhatsApp-Datenschutzregeln: Wechseln oder bleiben?

09.02.2021 Seit Wochen verliert WhatsApp Nutzer an die Konkurrenz. Der Grund: Der zu Facebook gehörende Instant-Messaging-Dienst hat Änderungen an den Datenschutzregeln bekanntgegeben. Nun stellt sich die Frage: Soll man bei WhatsApp bleiben oder lieber den Anbieter wechseln?

Zunächst einmal die gute Nachricht: Sie müssen nichts überstürzen, denn WhatsApp hat auf die Kundenflucht reagiert und die Einführung seiner neuen Datenschutzregeln verschoben. Bisher galt der 8. Februar 2021 als letztmöglicher Termin, um den neuen WhatsApp-Nutzungsbedingungen zuzustimmen. Jetzt soll die neue Datenschutzrichtlinie der Facebook-Tochterfirma erst vom 15. Mai an gelten.

WhatsApp-Informationen für Unternehmen

Gleichzeitig wirbt WhatsApp um Vertrauen. Ziel der neuen Datenschutzregeln sei vor allem bessere Möglichkeiten für die Kommunikation mit Unternehmen zu schaffen. Wenn man ab dem 15. Mai mit einem Unternehmen über Telefon, E-Mail oder WhatsApp kommuniziert, kann die Firma die Informationen daraus für eigene Marketing-Zwecke verwenden. Dies kann auch Werbung auf Facebook einschließen

An der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Chats wird laut WhatsApp indes nicht gerüttelt. Es sei in der EU auch keine erweiterte Datenweiterleitung an Facebook vorgesehen. Allerdings muss man dazu sagen, dass außerhalb der EU schon seit 2016 einige WhatsApp-Nutzerdaten an Facebook zu Werbezwecken oder zur Verbesserung von Produkten fließen.

Unternehmen haben außerdem künftig die Möglichkeit Hosting-Dienste von Facebook zu verwenden, um WhatsApp-Chats mit ihren Kunden zu verwalten, Fragen zu beantworten und Infos wie Kaufbelege zu senden. Nach Angaben des Instant-Messaging-Dienstes sollen diese Vorgänge aber eindeutig gekennzeichnet werden.

Facebook und WhatsApp sind die Platzhirsche

Wer also WhatsApp ausschließlich zu privaten Zwecken nutzt, muss um die Weiterleitung der Daten zu Werbezwecken nicht fürchten – zumindest innerhalb der EU. Bürger der Europäischen Union sind de facto gegenüber dem Rest der Welt bessergestellt.

Was für WhatsApp ebenfalls spricht, ist seine geballte Marktmacht. Mit mehr als zwei Milliarden Nutzern ist WhatsApp weltweit der Platzhirsch unter den Chat-Diensten. Der ebenfalls zu Facebook gehörende Facebook Messenger landet mit 1,3 Milliarden Usern auf dem zweiten Rang. Der chinesische Anbieter WeChat kommt auf 1,2 Milliarden Nutzer, spielt aber außerhalb Chinas so gut wie keine Rolle.

Ein weiterer großer Vorteil von WhatsApp sind die einfache Handhabung und der Mehrwert, die der Service bietet. So kann man theoretisch mit Teilnehmern weltweit Telefonate und Video-Telefonate führen, vorausgesetzt, dass beide Teilnehmer entweder genügend Datenvolumen oder einen WLAN-Router ohne Zugangsbeschränkungen nutzen – kein Wunder also, dass kostenpflichtige Alternativen wie Call by Call immer weniger genutzt werden.

Alternative Signal

Wer WhatsApp wegen vieler Aufenthalte außerhalb der EU oder schlicht aus Verärgerung den Rücken kehren möchte, hat mehrere Alternativen. Eine davon ist der Instant-Messaging-Dienst Signal, bei dem nicht nur Chats, sondern auch Kontakte und Profilinformationen verschlüsselt werden.

Die kostenlose App wird von zahlreichen Sicherheitsexperten empfohlen. So ist unter anderem der weltweit bekannteste Whistleblower Edward Snowden bekennender Signal-Nutzer. Als Tesla-Chef Elon Musk in einem Twitter-Beitrag Signal empfahl, gab es aufgrund des Ansturms sogar kurzfristig Probleme bei der Registrierung von neuen Usern.

Alternative Threema

Threema ist ebenfalls eine Open-Source-Alternative zu WhatsApp. Im Unterschied zu WhatsApp ist allerdings keine Handynummer zur Registrierung notwendig. Das größte Manko von Threema ist, dass die App nicht kostenlos ist. Vielmehr sind einmalig 3,99 Euro zu zahlen. Andererseits ist Threema fast so sicher wie ein Schweizer Nummernkonto.

Die von der Kasper Systems GmbH in der Schweiz entwickelte App setzt auf eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der die Verschlüsselung in mehreren Schritten geschieht. Durch die Eingabe einer Wischgeste erzeugt der Nutzer beim ersten Aufrufen von Threema zunächst einen privaten und einen öffentlichen Schlüssel. Aus den öffentlichen Schlüsseln der Empfänger und den privaten Schlüsseln des Senders werden dann weitere Schlüssel generiert, mit denen schließlich die Nachrichten verschlüsselt werden. Somit können unverschlüsselte Nachrichten nicht auf den Servern von Threema gespeichert werden.

Alternative Telegram

Telegram ist ein kostenfreier Messenger, der von zwei Brüdern aus Russland erfunden wurde und dort wohl auch deshalb äußerst populär ist. Zudem orientiert sich der Dienst optisch sehr an WhatsApp und die Angabe einer Handynummer ist Pflicht. Nachteil: Die Chats werden zwar verschlüsselt übertragen, liegen aber standardmäßig unverschlüsselt auf den Telegram-Servern.

Zudem steht Telegram im Ruf besonders bei Verschwörungstheoretikern und Rechtsradikalen beliebt zu sein. Der Grund: Admins können in Gruppen-Chats anonym bleiben und Beiträge werden von Betreibern selten gelöscht.

Alternative Wire

Die Anmeldung bei Wire ist komplizierter als bei WhatsApp. Zwar muss man analog eine Handynummer angeben, zusätzlich aber auch eine Mail-Adresse mit Passwort hinterlegen. Dafür sind die Chats Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Eine Nutzung ist darüber hinaus auch ohne Zugriff auf das eigene Adressbuch möglich.

Die Stärke von Wire ist die Gruppenanruf-Funktion. Der Instant-Messaging-Dienst kann also als Alternative für Video-Konferenz-Tools wie Windows Teams fungieren. Verwunderlich ist das nicht, schließlich wurde Wire von einem Skype-Mitbegründer entwickelt.

Empfehlung und Prognose

Wenn man in den letzten Wochen die teils hektischen Bewegungen von Nutzers weg von WhatsApp hin zur Konkurrenz verfolgt hat, liegt die Vermutung nahe, dass der Instant-Messaging-Diensten ab Mai Kunden verlieren wird – allerdings in erster Linie außerhalb der EU, wo besonders verbraucherfreundliche Datenschutzregeln gelten.

Es kommt also im Wesentlichen darauf an, wo Ihre Chat-Partner sitzen. Schreibt man öfter dem Onkel in der Türkei oder der Tante in Brasilien, kann es sein, dass auch die eigenen Daten zu Werbezwecken verwendet werden. Schickt man hingegen Fotos nach Buxtehude oder Barcelona, garantiert die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ein großes Maß an Datensicherheit.

© Tom Meyer

Weitere News